Nothelfer

Nothelferbild web

Einer hilft immer…: Die Vierzehn Nothelfer

Von der Religiosität unserer Vorfahren oder: Ein Stück Kulturgeschichte

Die Verehrung der Vierzehn Nothelfer hat eine lange Tradition. Seit dem ausgehenden Mittelalter sind ihnen zahllose Kapellen und Altäre geweiht worden. Anlass dazu boten die schrecklichen Notzeiten des 14. und 15. Jahrhunderts, die von Hungersnöten und Kriegen geprägt waren und wo der «Schwarze Tod» gnadenlos zugeschlagen hat. In ihrer Hilflosigkeit hat sich die Bevölkerung unter ihren besonderen Schutz gestellt. Die Anzahl von vierzehn Heiligen bot dabei eine reiche Auswahl für unterschiedlichste Anliegen. Jeder war ja für bestimmte Nöte zuständig, für die man ihn – oder sie! – in Anspruch nehmen konnte. Eine(r) hilft immer…

Seetaler Nothelfer-Landschaft
In unserer Nachbarschaft ist mir noch eine Nothelfer Darstellung bekannt in der Kapelle Urswil, Hochdorf.

Verehrung von Heiligen als Nothelfer
Seit jeher verehren die Christen die Verstorbenen, welche ihr Leben aus einem überzeugten Glauben heraus gelebt haben. Sie betrachten sie nicht nur als Vorbilder für ihr eigenes Leben, sondern rufen sie auch an in ihren vielfältigen Sorgen, Nöten und Anliegen; sie erbitten ihre Fürsprache und Hilfe bei Gott. Sie sind „Fürsprecher“ der Menschen.
Die so genannten Nothelfer stammen fast alle aus der christlichen Frühzeit. Es sind Märtyrer aus der Zeit der römischen Christenverfolgungen, meist aus der Ostkirche. Von den meisten dieser Blutzeugen sind uns nicht viel mehr als Legenden erhalten.

Diese Beschreibung der Nothelfer wurde uns im Februar 2004 freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Herrn Walter Eigel-Reichlin, Gotthardstrasse 26 in 6415 Arth. Die einzelnen Beschreibungen sind im Jahre 2003 in der „Rigi Post“, Arth erschienen

Paul Hornstein-Schnider

Achatius, Ägidius, Barbara, Blasius
Christophorus, Cyriacus, Dionysius
Erasmus, Eustachius, Georg
Katharina, Margareta, Pantaleon, Vitus
Die Kunde von den unbekannten Heiligen aus dem Orient gelangte im Mittelalter durch die Kreuzfahrer in den Westen. Erste Anfänge des Nothelferkultes lassen sich um 1300 in Regensburg nachweisen, wo Nothelfer als Patrone von Spitälern und Kirchen verehrt wurden. Das 14. Jahrhundert war dann die Zeit, als die gefürchtete Pest die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Da lag es nahe, sich der Fürbitte von Heiligen zu versichern. In diesen verzweifelten Zeiten setzen sie ihre letzte Hoffnung auf die Kraft des Glaubens und des Gebetes; sie suchten Nothelfer gegen den «Schwarzen Tod», gegen Hunger und Krieg.
Zur Verbreitung des Nothelferkultes wesentlich beigetragen haben die Zisterziensermönche, nachdem im Jahre 1445 in Frankenthal, in der Nachbarschaft ihres Klosters Langheim, sonderbare Erscheinungen bekannt wurden.

Die Legende von Vierzehnheiligen
Man schrieb das Jahr 1445, als dem Schäfer des Klosters Langheim, Hermann Leicht, am 24. September gegen Abend auf einem Acker ein weinendes Kind erschien. Als er näher hinzutreten wollte, war das Kind wieder verschwunden. In einer zweiten Vision erblickte er abermals das Kind, doch nun zu beiden Seiten je eine Kerze. Im darauf folgenden Jahr, am 28. Juni 1446, schaute er wiederum das Kind, diesmal mit einem roten Kreuz auf dem Herzen und umgeben von vierzehn Kindern, alle gleich gekleidet, halb weiß, halb rot. Das Kind in der Mitte des Kreises sagte zu dem Schäfer: «Wir sind die vierzehn Nothelfer und wollen eine Kapelle haben, auch gnädiglich hier rasten.» Daraufhin verschwand die Kinderschar in den Wolken. Auf den Bericht des Klosterschäfers hin errichtete man noch im selben Jahr an der Stelle der Erscheinungen ein Kreuz. – Wenige Tage nach der letzten Erscheinung des Schäfers wurde ein erstes Wunder bekannt. Eine todkranke Magd aus Langheim wurde nach Anrufung der vierzehn Nothelfer geheilt. Fortan kamen zahlreiche Hilfesuchende ins Frankenthal.

Die Vierzehn Nothelfer werden populär
In der Folgezeit ist aus dem kleinen Heiligtum im Frankenthal ein berühmter Wallfahrtsort geworden, der gleich den Namen «Vierzehnheiligen» annahm. Dort steht heute eine der bedeutendsten Barockkirchen überhaupt: die vom Architekten Balthasar Neumann geplante Basilika Vierzehnheiligen.
Die Kunde von den Erscheinungen der vierzehn Nothelfer verbreitete sich schon in der Mitte des 15. Jahrhunderts in Windeseile im gesamten süddeutschen Raum. Sie gelangte auch in die Innerschweiz.

Die Nothelfer Beschreibungen
Bei den meisten dieser Heiligen ist die biografische Quellenlage sehr dürftig. Umso üppiger sind die Legenden ins Kraut geschossen. Richtig verstanden aber vermitteln die Legenden symbolische Schlüssel, die helfen, unser eigenes Leben wie in einem Spiegel zu betrachten. Die Leiden der Martyrer spielen sich – auf der seelischen Ebene – in unserem Innern ab. Die Hinweise auf die «Zuständigkeit» für bestimmte Anliegen und Nöte lassen sich meist aus den Legenden-Episoden erklären. Und schließlich kann man jeden dieser 14 Heiligen auf Bildern problemlos erkennen, weil sein Name angeschrieben ist. Die Kunst hat im Laufe der Zeit eine Reihe von Attributen (Erkennungsmerkmalen) entwickelt, die jeden Nothelfer eindeutig charakterisieren.
Diese Artikel bezwecken, einen Blick auf die Nothelferverehrung zu werfen und Verständnis für diese alte Tradition zu wecken. Sie ist ein hoch interessantes Zeugnis der volkstümlichen Religiosität unserer Vorfahren und bildet ein unverzichtbares Element unserer Kulturgeschichte.
Walter Eigel-Reichlin, Gotthardstrasse 26, 6415 Arth

Der Heilige Blasius

Zuständig für den Hals
Gedenktag 3. Februar

Das achte Sakrament
Der Blasius-Segen am 3. Februar gehört hierzulande noch immer zu den beliebtesten kirchlichen Segenshandlungen. Er ist uns von Jugend auf vertraut und so wichtig, dass er oft als «achtes Sakrament» bezeichnet wird. So mancher Christ, der mit dem Sonntagsgottesdienst sparsam umgeht und mit den kirchlichen Sakramenten seine liebe Müh und Not hat, lässt sich den alljährlichen Empfang des Blasius-Segens nicht entgehen. Man weiß ja nie… Und die Segensformel «Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheiten und jedem anderen Übel» beantwortet er mit einem überzeugten «Ja».
Ist der Blasius-Segen noch ein letzter, längst überholter Rest einer magischen Religiosität? Wer genau hinhört, der müsste eigentlich merken, dass Blasius kein selbständiger Zauberer ist, der alle Krankenkassen und ärztlichen Behandlungen überflüssig macht. Wer von Blasius medizinische und psychotherapeutische Leistungen erwartet, der muss nicht nur seine Heiligenverehrung, sondern auch sein Gottes- und Glaubensverständnis auf einen kritischen Prüfstand stellen.
Nach wie vor drückt der Blasiussegen aus: Gott ist bei dir in jeder Lebenslage. Gott sagt ja zu dir, wie gut oder schlecht es dir auch immer geht. Und Gott befreit dich aus jeder Not – auf seine Weise.
Beim Segen hält der Priester die beiden Kerzen zwischen den Fingern zu einem Andreaskreuz. Diese Segensgeste ist in der abendländischen Kirche einmalig – eine Erinnerung an das einst so blühende Christentum in Kleinasien.

Heiler für Leib und Seele
Blasius lebte an der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert. Von Beruf war er Arzt, der neben Menschen auch Tiere heilte. Seiner ärztlichen Kunst und Hilfsbereitschaft wegen stand er bei den Leuten in hohem Ansehen. Kein Wunder, dass sie ihn, den Leib-Heiler, auch zu ihrem Seel-Sorger machen wollten. Er wurde zum Bischof der kleinasiatischen Stadt Sebaste (Armenien) gewählt. Als solcher geriet er noch in die letzte große Verfolgungswelle, welche die römischen Kaiser gegen die Christen entfacht hatten. Da Blasius sich weigerte, dem christlichen Glauben abzuschwören, musste er Kerker und Folter über sich ergehen lassen, bis er schließlich enthauptet wurde. Dies geschah im Jahre 316. Was über diese spärlichen biografischen Angaben hinausgeht, ist legendenhaft. Das Martyrium des Heiligen Blasius wird mit viel Phantasie und Erzähllust, aber auch mit noch mehr symbolischer und psychologischer Hintergründigkeit berichtet

Die Blasius – Legende
«Als die Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian (284-305) begann, floh er zunächst in die Berge und lebte dort als Einsiedler, ernährt von Vögeln und umgeben von zahmen Waldtieren, die er segnete und bei Krankheiten heilte. Als ihn Edelleute bei einer Jagd in seiner Höhle entdeckten, ging er mit ihnen, um das Evangelium Christi zu predigen und den Menschen durch viele Wundertaten zu helfen.
Eine Frau brachte ihren Sohn, der an einer Fischgräte zu ersticken drohte, und bat weinend den Bischof, ihr Kind zu retten. Blasius legte ihm betend die Hände auf und befreite es von der Gräte.
Ein Wolf hatte einer armen Frau ihr einziges Schwein geraubt. Da gebot Blasius dem Untier, die Beute wohlbehalten zurückzubringen, was er auch tat. Als der Bischof bald danach wegen seines Glaubens in den Kerker geworfen und mit Knüppeln geschlagen wurde, ließ jene Frau das Schwein schlachten und brachte Kopf und Füße, dazu Brot und eine Kerze ins Gefängnis, um Blasius damit zu stärken.
Der Statthalter ließ Bischof Blasius mit eisernen Kämmen das Fleisch von den Knochen ziehen. Dann sollte er in einem Teich ertränkt werden, aber das Wasser wurde unter seinen Füssen zu Erde. 65 Heiden, die wie der Heilige versuchten, auf dem Wasser zu stehen, ertranken. Da wurde Blasius enthauptet.»

Verehrung
Die Verehrung des Heiligen Blasius wurde von den mittelalterlichen Kreuzfahrern ins Abendland gebracht. Schon bald sah man in ihm einen Helfer bei Hals- und Kehlkopfleiden und knüpfte damit an die Legende von der Errettung des Knaben vor dem Ersticken an Fischgräten an.
Darüber hinaus haben ihn auch die Ärzte sowie zahlreiche Handwerker zum Schutzpatron erwählt: Bäcker, Bauarbeiter, Gerber, Gipser, Hutmacher, Maurer, Schneider, Seifensieder, Steinhauer, Strumpfwirker, Wachszieher, Weber, Wollhändler. Sogar die Blasmusiker nehmen bei Blasius ihre Zuflucht.
Blasius wird angerufen bei Erstickungsgefahr, bei Halsleiden, Husten, Kropf, Blutungen, Koliken und – wie es sein Name suggeriert – bei Blasenkrankheiten! Er gilt auch als Wetterpatron bei Wind und Sturmschäden und hat es sogar zum Patron der Meteorologen gebracht!
Aber auch, wem etwas anderes als bloß materielle Gräte im Halse stecken bleibt, darf sich vertrauensvoll an den Heiligen Blasius wenden: Er ist nämlich auch Fürsprecher für Angstgeplagte und von Gewissensbissen heimgesuchte Menschen.
Viele dieser Schutzpatron-Funktionen leiten sich entweder von seiner Biografie (Arzt) oder aber von einzelnen Legenden-Episoden her.
In der schrecklichen Pestzeit des 14. Jahrhunderts ist er auch zum begehrten Pestpatron geworden und wurde den Vierzehn Nothelfern beigesellt.

Bilder erzählen seine Geschichte
Auf Bildern wird Blasius meist in bischöflichem Ornat (mit Stab und Mitra) dargestellt, auf der Hand trägt er die aufgeschlagene Bibel. Dazu kommen noch individuelle Erkennungsmerkmale (Attribute), die alle wiederum aus den Legenden herstammen: Knabe, Wolf oder Schwein, manchmal auch bloßer Schweinskopf, gekreuzte brennende Kerzen, Brot, Wachsstock, Hechelkamm.

Hier noch eine alte Wetterregel
«St. Blasius stößt dem Winter die Hörner ab.»

… und zum Schluss ein Tipp für Fasnachtsnarren
Vielleicht ist der Blasius-Segen am 3. Februar auch für Fasnächtler eine empfehlenswerte Vorsichtsmassnahme, weil man sich bei dem luftig-leichten Treiben mit einer Halsentzündung leicht «den Tod holen» kann. Man weiß ja nie…

Georg

Der Beschüzter der Bedrohten
Gedenktag 23. April

Ein Ritter in Eisen, auf einem Pferd sitzend, mit geschwungener Lanze oder ausholendem Schwert: so ist Georg auf unzähligen Bildern dargestellt. Hoch aufgerichtet durchsticht er einem Drachen, einem hässlichen, gepanzerten Untier, den Rachen. Der Heilige Georg gehört zu den herausragendsten Gestalten der christlichen Heiligenverehrung – obwohl uns außer dem Faktum seiner Existenz und seines Martyriums keine weiteren gesicherten Angaben über seine Lebensgeschichte überliefert sind.

Georg hat gelebt…
Georg ist keine Märchenfigur. Seine Existenz ist geschichtlich verbürgt. Er lebte am Ende des 4. Jahrhunderts und war ein hoher Offizier des römischen Heeres. Als der römische Kaiser Diokletian begann, Christen zu verhaften – einfach deshalb, weil sie Christen waren –, zu verhören, zu foltern und hinzurichten, trat er öffentlich gegen den Kaiser auf und nannte das Unrecht beim Namen. Er nannte Mord Mord, legte alle seine Titel und Ämter nieder und stellte sich auf die Seite der Verfolgten. Das Ende war, dass der Kaiser den unbequemen Mann hinrichten ließ. Das geschah in Kappadozien, in Kleinasien, um das Jahr 305.

… aber wir kennen ihn nur aus Legenden
Die fehlenden geschichtlichen Belege werden, gleichsam stellvertretend, ersetzt durch die zahlreichen Legenden, die sich um das Leben dieses Heiligen gebildet haben. Die bekannteste – wenn auch nicht die älteste – Legende ist zweifellos jene des Drachenbezwingers. In ihr gewinnt das Bild, das sich die Menschen seit Jahrhunderten von diesem Heiligen gemacht haben, auch für uns klare Konturen. Es geht zurück auf die berühmte Legendensammlung des Jacobus von Voragine (1230-1298), der mittelalterliche Bestseller – noch vor der Bibel!

Vom Drachen und der Königstochter
«Georg kam als Ritter in das Land Libya zur Stadt Sila. In der Nähe der Stadt war ein großer See, in dem sich ein giftiger Drachen festgesetzt hatte. Er verpestete alles seinem Gifthauch. Damit er nicht vor die Stadtmauern kam, opferten ihm die Bürger täglich zwei Schafe. Als keine Schafe mehr zur Verfügung standen, brachte man ihm jeden Tag Menschenopfer dar, einen Mann und eine Frau. Zuletzt sollte die Tochter des Königs geopfert werden. Der König war verzweifelt, konnte aber sein Kind nicht schonen. Als die Königstochter schon am Drachensee war, kam Sankt Georg dahergeritten und wollte ihr helfen. Während sie noch redeten, streckte der Drache schnaubend sein Haupt aus dem See. Der edle Ritter erkannte die Gefahr, stieß sofort seine Lanze dem Drachen ins Maul und bezwang ihn. So war die Stadt Sila von der Bedrohung durch den Drachen gerettet worden.»

Was im Geschichtsbuch zu lesen ist…

Zwei Welten stehen sich gegenüber
Man mag die Legende zu Recht in den Bereich frommer Dichtung verweisen. Dennoch umrankt auch die phantasievolle Erzählung eine geschichtliche Wahrheit. Gaius Aurelius Valerius Diocletianus war von 284-305 römischer Kaiser, der sich die Regentschaft von 286-305 mit Marcus Aurelius Valerius Maximianus teilte. Diokletian reformierte den Staat grundlegend und steigerte den Kaiserkult. Der Herrscher nahm den Götternamen Jovis an und ließ sich als ‚Sol Invictus’ (unbesiegbare Sonne) feiern. Alle Offiziere der römischen Armee mussten dem Kaisergott huldigen, wobei vor allem Widerstände aus den Reihen bekehrter und getaufter Soldaten den politisch motivierten Kampf gegen das erstarkende Christentum verschärften.
303 erschienen vier kaiserliche Edikte. Sie ordneten die Verbrennung christlicher Kirchen und Bücher an, zugleich wurden den Christen die bürgerlichen Rechte entzogen, sie mussten Ämter und Ehrenstellungen räumen. Wer sich weigerte, dem Kaiser zu opfern, wurde eingekerkert und hingerichtet. Zeitzeugen berichten von regelrechten Massenhinrichtungen in Rom und in den wichtigsten Städten des Reiches.

Aus dieser Zeit stammt eine Vielzahl von Berichten über das standhafte Martyrium früher Heiliger, welche Drohungen und Todesgefahr getrotzt haben – so erleiden z.B. im Wallis der römische Hauptmann Mauritius und seine Soldaten den Martertod. Auch die Georgslegende dürfte im Kern auf einen getauften Soldaten zurückgehen, der vermutlich in Palästina stationiert war und dort unter dem Zwang der diokletianischen Edikte hingerichtet wurde. Geschichtlich aber ist der Vorgang höchst bedeutsam.
Georg, der Kommandeur einer römischen Legion, trat dem alternden Kaiser Diokletian (284–305) entgegen, der sich in den letzten Jahren seiner Regierungszeit durch Wahrsager, Sterndeuter und ehrgeizige Ränkeschmiede zum Kampf gegen das Christentum verleiten ließ. Zwei Welten standen sich gegenüber: Auf der einen Seite das versinkende Heidentum in der Person des schon siebzigjährigen Kaisers, der sich ‚Sohn des Jupiter’ nannte und schließlich doch, von Ekel und Überdruss ergriffen, dem Thron entsagte, um in Salona in Dalmatien … Kohlköpfe und Salat zu pflanzen, wie uns römische Chronisten glaubhaft versichern! Auf der anderen Seite das aufsteigende Christentum in dem jungen, kühnen Offizier, der vom Kaiser mit blitzenden Augen Gerechtigkeit für die Anhänger des neuen christlichen Glaubens verlangte, zu dem er selbst sich voll Stolz bekannte. Wohl ließ der erzürnte Kaiser den tapferen Tribun mit dem Schwerte hinrichten; Christus aber, dem eigentlich der Todesstoss galt, vermochte er nicht zu treffen. In jenem Jahr, in dem Diokletian, des Thrones und der Welt müde, in seiner dalmatinischen Villa starb, ließ Kaiser Konstantin das Zeichen Jesu Christi auf das Fahnentuch der römischen Standarten setzen. Christus hatte über den Hass der Cäsaren gesiegt, die drei Jahrhunderte lang vergeblich versucht hatten, dem den Todesstoss zu versetzen, welcher trotz des Lanzenstichs auf Golgotha von den Toten auferstanden ist.

… vermittelt uns die Legende in bildhafter Sprache

Der Heerführer tritt dem Kaiser entgegen
Diese Gegenüberstellung von antikem Heidentum und erstarkendem Christentum in den beiden Protagonisten Georg und Diokletian kommt in der älteren Georgslegende auf sehr plastische Art und in bildhafter Sprache zum Ausdruck. Sie gibt uns auch Anlass, einen kurzen Vergleich zwischen (historischem) Bericht und Legende anzustellen.

«Zur Zeit des Kaisers Diokletian gab es eine große Verfolgung der Christen. Viele Menschen starben den Martertod. Von den Leiden der Blutzeugen erschüttert, legte Georg das Gewand des Soldaten ab und nahm das Kleid der Christen. Er trat vor alle hin und rief: «Alle Götter der Heiden sind Nichtse; die Himmel aber hat der Herr geschaffen!» Da sprach der Richter voller Zorn: «Mit welcher Vermessenheit wagst du es, unsere Götter Nichtse zu nennen? Wer bist du denn?» Georg antwortete: «Ich heiße Georg. Für den Kaiser habe ich gekämpft, dann aber alles verlassen, um dem König des Himmels freier dienen zu können.» Der Richter erachtete diese Worte als Gotteslästerung und befahl daher, Georg zu foltern, seine Glieder mit Eisenkrallen zu zerfetzen und ihn alsdann ins dunkle Verließ des Gefängnisses zu werfen. In der folgenden Nacht aber erschien dem Georg der Herr in strahlendem Lichte und stärkte ihn mit neuer Kraft.
Am folgenden Tag befahl der Richter neue Folter. Georg wurde aufs Rad gespannt, das ringsum von zweischneidigen Schwertern umgeben war. Das Rad aber brach, und Georg blieb unversehrt. Daraufhin ließ er ihn in einen Kessel werfen, der voll flüssigen Bleis war. Georg machte das Zeichen des Kreuzes und trat in den Kessel, aber mit Gottes Hilfe erquickte er sich darin wie in einem Bade.
Als der Richter sah, dass er Georg mit Drohungen und Martern nicht besiegen konnte, versuchte er Georg mit schmeichelnden Worten zu erweichen. Er versprach ihm große Ehre, wenn er dem christlichen Glauben abschwöre. Georg erklärte sich bereit, zu tun, was der Richter begehrte. Dieser rief das ganze Volk zusammen, das mit Georg in den Tempel gehen und opfern sollte. Georg kniete sich hin und betete zu seinem Gott. Da fiel sogleich Feuer vom Himmel herunter und verbrannte den Tempel samt Götzenbildern und Priestern; die Erde öffnete sich und verschlang alles.
Außer sich vor Wut, verordnete der Richter, dass Georg durch die ganze Stadt geschleift und dann enthauptet werden soll. Georg nahm das Urteil gelassen entgegen. Auf dem Richtplatz angekommen, kniete er sich nieder, betete und bot sein Haupt dem Scharfrichter dar. Dieser enthauptete ihn. Als der Richter aber in seinen Palast zurückkehrte, schlug der Blitz ein und verbrannte das ganze Haus, himmlisches Feuer verschlang den Richter samt seinen Dienern.»

Ein Vergleich:
Der objektive Bericht und die Symbolkraft der Legende

Die Georgslegende gleicht in ihrer Form Dutzenden von anderen altchristlichen Märtyrerberichten. Sie alle bringen – in Bildern und Symbolen – den Prozess zum Ausdruck, der die Spätantike charakterisiert: der langsame Zerfall des römischen Heidentums und der unaufhaltsame Aufstieg des Christentums. Die Legenden sind nach einem „Standard-Schema“ gebaut und müssen richtig gelesen werden, sonst geht man an der wesentlichen Aussage vorbei. Bericht und Legende sprechen zwar von derselben Zeit und von derselben Erfahrung, aber jeder Text tut es auf seine Weise.

Der Bericht spricht von vielen verfolgten Christen und Christinnen. – Die Legende erzählt von einem einzigen (hier von Georg); in seinem Schicksal spiegelt sich das Leid aller Verfolgten.
Der Bericht erzählt von den schlimmen Qualen, welche die Christen zu erleiden hatten: Verhaftung, Verbannung, Folter, Todesstrafe. – Die Legende fasst diese leidvolle Erfahrung in ein symbolisches Bild zusammen: Eisenkrallen, Rad mit scharfen Klingen, Kessel mit siedendem Blei.
Im Bericht ist die Rede davon, dass die Christen in der Verfolgung aus ihrem Glauben Kraft schöpften. – Die Legende nennt dies: der Herr erschien ihm in strahlendem Licht.
Der Bericht spricht von der Erfahrung, dass die römische Religion im Laufe der Zeit dem Christentum unterlag. – In der Legende heißt dies: Feuer fiel vom Himmel, zerstörte die Götzenbilder und legte den Tempel in Schutt und Asche.

Sankt Jörg, du edler Ritter
«Sankt Jörg, du edler Ritter, verleih uns guten Mut!
Für Vaterland und Ehre vergießen wir das Blut.»

Dieses alte Landsknechtslied zeigt deutlich, auf wen unsere Hellebarden schwingenden Vorfahren letztlich ihr Vertrauen setzten, wenn sie in halb Europa auf Kriegszügen waren: auf Ritter Georg! Ihr großes Vorbild der Tapferkeit! Kein Wunder, gilt er doch unbestreitbar als der herausragendste unter den Soldatenheiligen. Ihm war bestimmt zuzumuten, dass er das Handwerk kennt…

Patron der Ritter und Soldaten
Georg ist wohl der meistverehrte Märtyrer des christlichen Altertums und des Mittelalters. Für die europäischen Fürstenhäuser war der Heilige Georg ein hochverehrter Schutzherr. Seit der Synode von Oxford (1222) ist Georg der Nationalheilige der Engländer. Die Georgsverehrung erreichte im Umfeld der Kreuzzüge ihren Höhepunkt. Er wird als Schlachtenhelfer angesehen, die Templer und Deutschherren stellen sich unter seinen Schutz. Und der Kreuzfahrerkönig Richard Löwenherz wählte ihn zu seinem persönlichen Schutzheiligen.
Die Überlieferung vom Kampf des gewappneten Ritters gegen den Drachen hat ihn für die mittelalterlichen Burgbewohner zum beliebten Patron und Hausheiligen zahlreicher ritterlicher Adelsgeschlechter gemacht. Auf diese Weise ist der Heilige Georg auch als Kirchenpatron nach Arth gekommen. Die Lenzburger, jene rätische, im Aargau sesshafte Adelsfamilie, die um die Jahrtausendwende auch in Arth Güter und Besitzungen hatte, haben ihren „Hausheiligen“ gleich auch als Schutzpatron an die Gestade des Zugersees beordert: den Heiligen Georg.

Georg – der Bauer
Aber die Arther haben nicht nur um ihrer Grundherren willen den Heiligen Georg als Schutzpatron akzeptiert. Das Bauernvolk hatte ohnehin eine spezielle Verehrung für den Heiligen, der den Namen ihres Standes trug: Georg (griechisch: georgos) = der Bauer, der Landmann. Er gilt als Patron der Bauern und ihres Besitzes, der Hirten und Herden; er schützt das Vieh vor Erkrankung. Sein Festtag hat sich denn auch als wichtiger Lostag etabliert. An vielen Orten beginnt am 23. April die Weidezeit; dieser Tag wird von den Bauern sehr genau als Grenze zwischen Frühling und Sommer registriert. Wahrscheinlich sind darin auch Frühlingsbräuche aus vorchristlicher Zeit durch sein Patronat verchristlicht. Und wir kennen eine ganze Reihe von bäuerlichen Wetterregeln, die auf den Georgstag Bezug nehmen:

Ist Georgi schön und warm,
gibt’s ein Wetter, dass Gott erbarm.
– – –
Zu Georgi treib die Küh hinaus,
zu Michaeli hol sie wied’r ins Haus.
– – –
Sankt Georgs Pferd
tritt den Hafer in die Erd
– – –
Auf Sankt Georgs Güte
stehen alle Bäum in Blüte.

Wie Georg in den Kreis der Nothelfer kam
Die grosse Beliebtheit des „Grossmärtyrers“ bei allem Volke hat Georg schon früh zum Nothelfer prädestiniert. Den entscheidenden Hinweis aber haben seine Verehrer bei Jacobus a Voragine gefunden. Dieser berühmteste Legendensammler des Mittelalters erzählt nämlich, wie sich Georg vor seiner Enthauptung von Gott die Gnade erbeten hat, dass jede Fürbitte in seinem Namen Erhörung finde: «Da betete er zum Herrn, dass allen, die seine Hilfe anrufen, ihre Bitte gewährt würde. Und eine Stimme sprach vom Himmel: ’Es geschehe, wie du begehrt hast.’» Dieser Hinweis hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Georgs vielfältige und anspruchsvolle Zuständigkeit
Die Beliebtheit des Heiligen Georg hat ihn auch zum Patron zahlreicher Berufe und Nothelfer aller möglichen Anliegen gemacht. So hat Georg eine recht anspruchsvolle und breitgefächerte Aufgabe zu erfüllen:
Er ist Patron der Ritter, der Bauern und ihres Besitzes, der Soldaten und Gefangenen, der Reiter, Sattler, (Waffen-)Schmiede, der Schützen und Wandersleute, der Pfadfinder, der Reiter und der Pferde. Sogar die Räuber dürfen sich (bei entsprechender Fürbitte) auf seinen himmlischen Schutz verlassen! – Georg gilt als erster unter den Nothelfern und ist gefragt in Kriegsgefahr und Kriegsunglück, in geistigen Kämpfen, gegen Beschimpfungen, in Zweifel und Anfechtung. – Er wird angerufen gegen Fieber, Pest, bei schwerem Fall, gegen Erkrankung von Haustieren (manchmal gar gegen Syphilis, Schlangenbiss und Hexen!). – Auch Spitäler wurden seinem Schutze anvertraut. – Vor allem aber ist und bleibt er das Vorbild christlicher Tapferkeit: Im immerwährenden Kampf des Guten gegen das Böse, des Lichtes gegen die Finsternis, im alltäglichen Bemühen, senkrecht dazustehen, tritt Georg dem vertrauenden Menschen helfend zur Seite.

Nochmals: Georg, der die Bedrohten schützt:
Die alte Sage von dem Ritter, der einen Drachen tötet, der das Untier der Finsternis besiegt, gibt es in fast allen alten Völkern. Aber die Christen nahmen diese Sage auf und sagten: Eigentlich hat Georg genau das getan: Er hat sein Leben dafür eingesetzt, dass andere am Leben bleiben konnten. Er hat den Kampf gegen Unrecht und Brutalität aufgenommen. So wurde Georg später mit einem Drachen gezeigt, dem er mit der Lanze den Rachen durchstößt. Und wir sollen an ihm ablesen: Christen sollen ihre Kraft einsetzen, damit andere leben können. Wenn jemand Schutz nötig hat, soll er sich auf die Christen verlassen können.

Der Heilige Erasmus

Der Bischof mit der Ankerwinde
Gedenktag 2. Juni

Das Schicksal des Erasmus hat immer wieder die Fantasie der Menschen angeregt, obwohl wir fast nichts über ihn, auch nicht über seine Heimat wissen. Es kann Antiochsen in Syrien gewesen sein, oder Armenien, oder Illyrien an der adriatischen Küste. Erasmus ist eigentlich überall zu Hause und kann daher allen etwas Wesentliches über das Menschsein sagen.

Er begann als Einsiedler
Historisch gesichert ist die Existenz eines Bischofs Erasmus in der alten Stadt Antiochien in Syrien (dem heutigen Antalya in der südlichen Türkei) um die Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert. Wie mancher andere Hirte der kirchlichen Herde begann er seine Laufbahn als Einsiedler. Hoch oben im Libanongebirge lebte er in der Einsamkeit und in vertrautem Umgang mit den Tieren; in erster Linie aber soll er die Nähe Gottes gesucht und das Gebet gepflegt haben – für echte gottgläubige Menschen gehört dies ohnehin untrennbar zusammen. Vor allem flehte er Gott an, das Leben der Christen zu beschützen, die unter Kaiser Diokletian wieder einmal willkürlich verfolgt wurden. Dann aber wurde er von den Christen in dieser Notzeit gleich vor Ort geholt: Er solle Ernst machen mit seinem Gebet und gleich auch als Bischof die antiochenische Kirche in ihrer kritischen Situation leiten. Damit aber gerät er prompt in das Räderwerk der Verfolgung. Details seines Martyriums allerdings entstammen dem Bereich der Legende; sie erzählt uns folgendes:

Vom Engel geleitet
«Als Erasmus im Libanon das Leben eines Einsiedlers führte und Gott anflehte, die verfolgten Christen zu beschützen, brachte ihm ein Rabe jeden Tag die Nahrung, die er zum Überleben brauchte. Eines Tages erschien ihm ein Engel, der ihm gebot, nach Antiochia zurückzukehren. Aber kaum zu Hause angekommen, wurde er von den Soldaten Diokletians gefangen genommen und brutal gefoltert. Er wurde in einen Kessel mit heißem Öl gestellt. Da kam der Engel wieder, um ihm Kühlung zuzufächern. Unversehrt entstieg Erasmus dem Kessel. Das herausspritzende Öl aber traf den Kaiser, der aufschrie und Erasmus verzweifelt bat, seine Schmerzen zu lindern. Trotzdem hörte er nicht auf, Erasmus zu quälen. Aber wieder war es ein Engel, der Erasmus zu Hilfe kam. Es war der Erzengel Michael selbst, der ihn an der Hand nahm, aus dem Kerker befreite und nach Italien führte. Auf dem Schiff, das Erasmus und seinen Engel übers Meer brachte, wunderten sich die andern Passagiere über Erasmus. Sie bemerkten staunend, dass von ihm ein Licht ausging, das auch in der Dunkelheit nicht erlosch. – Eines Morgens erhob sich ein Sturm. Das Schiff wurde wie eine Nussschale hin und her geworfen. Der Kapitän, die Mannschaft und die Passagiere verloren jede Hoffnung, noch lange am Leben zu bleiben. Da stand Erasmus auf, breitete seine Arme aus und begann laut zu beten. Sogleich beruhigte sich der Wind, die Wellen glätteten sich, und das Schiff konnte ruhig seinem Ziel entgegenfahren. In Formia, in der Campagna, lebte Erasmus als guter Seelsorger bis ins hohe Alter.»

Getötet oder gestorben?
Sein Martyrium ist nicht spektakulärer als was uns Legenden von anderen frühchristlichen Blutzeugen erzählen. Es geht ja immer darum, dass alles Foppen und Rädern, alles Sticheln und Nägeln den betreffenden Menschen nicht zu beirren und vom geraden Weg abzubringen vermag – einzig das Schwert kann dem Leben ein Ende setzen. So auch bei Erasmus – wobei man allerdings nicht weiß, ob es die Folter war, die seinem Leben ein Ende setzte, oder ob er eines natürlichen Todes gestorben ist. In der oben stehenden Fassung der Legende ist letzteres der Fall. Sich im Gewirr der zahllosen Legendenfassungen zurechtzufinden, ist ohnehin alles andere als einfach. Und trotzdem sind ohne Rückgriff auf die Legenden die meisten Einzelheiten der Verehrung, der Patronate und der bildlichen Darstellung eines Heiligen überhaupt nicht verständlich.

Der Patron der Schiffer und Seefahrer
Die Legende erzählt von der Überfahrt aus Kleinasien nach Süditalien, vom schweren Gewitter und der Hoffnungslosigkeit von Passagieren und Besatzung. Erasmus betet – und der Sturm legt sich. So wurde er der Patron der Schiffer und Seefahrer im Mittelmeerraum, vor allem in Italien, Spanien und Portugal. Als Erkennungszeichen gaben sie ihm eine Ankerwinde in die Hand.

Das Elmsfeuer
Dieselbe Episode auf hoher See hat aber auch Anlass zur Bezeichnung einer sonderbaren physikalischen Erscheinung gegeben. Erasmus habe einst bei einem heftigen Gewitter gepredigt, und während ringsum die Blitze niederzuckten, blieb der Himmel über ihm und seinen Zuhörern klar und ruhig – so wie er selbst. Von daher kommt nun der Begriff «Elmsfeuer». Vor Gewittern beobachtet man nämlich auf der Mastspitze der Schiffe blaue Flämmchen, eine elektrische Entladungserscheinung. Der Name «Elmsfeuer» ist abgeleitet von der italienischen Form seines Namens; dort wird er nämlich San Elmo genannt.

Die missverstandene Ankerwinde
Zurück zur Ankerwinde, dem Attribut des Schifffahrtpatrons Erasmus. Völker der europäischen Binnenländer, die mit der Seefahrt nicht vertraut sind, haben die Ankerwinde gründlich missverstanden. Sie machten sie schnurstracks zum Marterinstrument. Man glaubte, dass die Schergen ihm mit dieser Seilwinde die Eingeweide aus dem Leib gedreht haben. Selbst größte Maler haben sich von dieser Marter zu Meisterwerken inspirieren lassen.

«Er überstand alle Marter in strahlender Schönheit»
Die bildende Kunst hat sich seines Martyriums aber auch in anderen Formen angenommen. Man sieht ihn beispielsweise in einem Kessel mit siedendem Öl sitzen, das ihm aber keinen Schaden antut. Oder er wird dargestellt mit Pfriemen, die ihm durch die Fingernägel getrieben werden. Eine alte Legende schließt diese ausgesuchten Folterpraktiken mit dem lapidaren Satz: «Er überstand alle Marter in strahlender Schönheit.» Diese sonderbare Formulierung will uns aber darauf hinweisen, dass es letztlich um die Kraft des Glaubens geht, die Erasmus in Licht und Schönheit erstrahlen lässt. Oder wie die Legende sagt: «Von ihm ging ein Licht aus, das auch in der Dunkelheit nicht erlosch.»
Stets aber erscheint Erasmus in Bischofsgewand und mit Krummstab. Die berühmteste Darstellung des heiligen Erasmus aber stammt von Matthias Grünewald. Auftraggeber und Stifter dieses Kunstwerkes war Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz und Magdeburg. Die Darstellung durch Meister Mathis hat Erasmus denn auch die Gesichtszüge dieses pracht- und machtliebenden Kirchenfürsten verliehen. Heute ist das Bild einer der größten Schätze der Alten Pinakothek in München.

Hilfe bei Magenbeschwerden
Erasmus, dessen Fest am 2. Juni gefeiert wird, trägt einen griechischen Namen, der «liebenswert» «begehrenswert» bedeutet. Bei uns ist der Name nie sehr populär gewesen – entgegen den Niederlanden, wo der große Humanist von Rotterdam den Namen des Heiligen trug. Das hinderte aber nicht, dass Erasmus auch bei uns in vielfältigen Sorgen, Anliegen und Nöten angefleht wurde. Selbstverständlich ist er in erster Linie Patron der Seeleute und Schiffsreisenden. Im übrigen sind es wieder kleine Einzelheiten, die Anlass für ein besonderes Patronat bildeten. Die hölzerne Seilwinde bewog die Drechsler dazu, Erasmus als Patron zu wählen. Auch Schuhmacher vertrauen ihm ihr Gewerbe an – ihre Arbeitsinstrumente, die Pfriemen, gehören zu seinen Folterwerkzeugen. Die Marter mit den Eingeweiden macht ihn zum Nothelfer bei Magenbeschwerden. Wahrscheinlich geht beim Betrachten seines Bildes der Schock so tief, dass die eigenen Magenbeschwerden völlig vergessen gehen. Er wird angerufen bei Bauchweh, Unterleibskrankheiten, Krämpfen und Koliken. Er ist auch Patron der werdenden Mütter und hilft in Wehen und Geburtsschmerzen.

Sturm, Blitz und Gewitter…
… sind Bilder für unsere Daseinserfahrung. Oft genug haben wir das Gefühl, mitten im Sturm unserer aufgewühlten Emotionen zu stecken. Unsere Lebensfahrt geht nicht immer so glatt vonstatten; wir haben Gegenwind. Oder wir geraten ins Gewitter. Da prasseln Aggressionen von allen Seiten auf uns ein. Blitze von Hass zucken um uns herum, unberechenbar. In solchen Situationen kann uns das Bild des heiligen Erasmus helfen. Er wird immer sehr selbstbewusst dargestellt, unbeirrt, «in strahlender Schönheit». Weil er in sich ruht, hat er es nicht nötig, alles in sich hineinzufressen. Er bleibt unberührt von Blitzen und Donnerschlägen, die von außen auf ihn einstürmen. Die Aggressionen der andern prallen an ihm ab. Er kann sich gegen sie schützen. So bleibt er verschont vor Magen- und Darmkrankheit.

Legenden sind dauerhafter als manch nüchterne Überlegungen. Sie erzählen von mächtigen Helfern, die das Herz in Gefahr und Not stärken.

Heiliger Vitus

Ein temperamentvoller Sizilianer

Der Nothelfer, dessen Gedenktag am 15. Juni gefeiert wird, trägt einen bedeutungsschweren Namen: der Lebensvolle, der Lebensstarke. Das passt ganz bestimmt zum sizilianischen Buben Vitus, der im 3. nachchristlichen Jahrhundert lebte. Dass diese Lebensfülle allerdings schon mit 12 Jahren zu einem blutigen Ende auf der Folterbank kommt, jagt einen den kalten Schauder über den Rücken.

Ungehorsam gegen den Vater
Ungehorsam – so beginnt manche alte Märtyrergeschichte. Der Sohn (oder die Tochter) ehrt nicht die Götter des Vaters, sondern geht seine eigenen Wege – er emanzipiert sich aus der blossen Verhaftetheit an den traditionellen Glauben. Der Vater zürnt – er will seinen Sohn für dessen Unbotmässigkeit bestrafen. Psychologisch wirkt dieser väterliche Widerstand wie eine Folter – die dem Sohn aber letztlich nichts anhaben kann. So liest sich nun die Legende des heiligen Vitus:

«Vitus lebte in Sizilien. Seine Eltern waren Heiden. Er selbst wurde im Hause christlicher Eheleute getauft und erzogen. Modestus war sein Erzieher, Crescentia seine Amme; sie bekehrten ihn zum christlichen Glauben und mussten dann auch das ganze Leiden des jungen Mannes mitmachten. Sein Vater war erbost, als er von der Taufe seines Sohnes hörte. Er schloss ihn mit musizierenden und tanzenden Mädchen ein, die ihn verführen sollten. Als er ihn dabei durchs Schlüsselloch beobachtete, sah er seinen Sohn von sieben Engeln umgeben und wurde blind. Er gelobte vergeblich, einen Stier mit goldenen Hörnern im Jupiter-Tempel zu opfern; erst das Gebet des Sohnes heilte ihn. Trotzdem trachtete er ihm nun nach dem Leben, aber ein Engel veranlasste Vitus, mit seinem Lehrer Modestus und seiner Amme Creszentia auf einem Schiff nach Lukanien zu fliehen, wo ihnen ein Adler Brot brachte.»

… und schon wieder die Tochter des Kaisers
Die Legende erzählt weiter: «Vitus und seine Begleiter wurden als Christen entdeckt und zu Kaiser Diokletian gerufen. Vitus heilte auf des Kaisers Bitte dessen Tochter Artemia von einem bösen Dämon. Trotzdem liess ihn der Kaiser, der Christen in seinem Reich nicht duldete, in den Kerker sperren und foltern. Man warf ihn in einen Kessel mit siedendem Öl (oder Pech), aber er stieg unversehrt heraus. Ein wilder Löwe wurde auf ihn gehetzt, doch als Vitus das Kreuzzeichen schlug, legte sich der Löwe zahm zu seinen Füßen und leckte sie. Der 12jährige Vitus vollendete auf der Folterbank sein mutiges Christsein. Sein Leichnam wurde von einem Adler bewacht.»

Kessel, Löwe und Hermelin
Der kochende Ölkessel und der Löwe werden nun zu Kennzeichen des heiligen Vitus. Vielfach wird er auch mit einem Hahn abgebildet (Symbol für Wachsamkeit) sowie einem Buch (Zeichen der Glaubensstärke), manchmal auch mit Folterbank und Märtyrerpalme. Meist ist er in jugendlicher Gestalt, als Knabe nackt in einem dreibeinigen Ölkessel stehend, dargestellt. Manchmal trägt er auch vornehme Kleidung und ist begleitet von Adler und Hasen, von Ampel, Brot und Knüttel. – Diese Attribute hängen nur zum Teil mit den Legenden zusammen. Warum etwa der «Güggel» als Begleittier des Vitus gilt, ist ungeklärt. Vielfach sind auch aus der konkreten Verehrung Elemente in die bildliche Darstellung eingeflossen. So trägt Vitus, der Lieblingsheilige und Schutzpatron des böhmischen Königshauses, einen kostbaren Hermelinmantel und den Reichsapfel. Und trägt der gewaltige Veits-Dom in Prag seinen Namen; dort ruht auch sein Haupt in einem kostbaren Reliquienschrein. Übrigens: Die deutsche Form des Namens Vitus lautet «Veit».

Erstaunliche Zuständigkeit eines Knaben
Dem heiligen Vitus haben die gläubigen Menschen gar ordentlich viel zugemutet. Die Liste seiner Zuständigkeit ist ellenlang und hat manchmal nur entfernt mit seiner Legende oder gar seinem Leben zu tun. Kein Wunder, denn er gehörte lange zu den beliebtesten Heiligen. Wohl auf Grund seines jugendlichen Alters ist er prädestiniert als Patron der Jugendlichen. Mit dem Ölkessel, worin Vitus zu Tode gemartert wurde, ist eine ganze Reihe von Patronaten verbunden. So ist er der Schutzheilige für die Kupfer- und Kesselschmiede, genau so wie für Apotheker, Gastwirte und Bierbrauer, Küfer und Winzer. Eindeutig auf dieses Attribut zurückzuführen ist sein Patronat der bettnässenden Kinder – der Kessel in seiner Hand wurde gern als «Töpfchen» ausgelegt! Man kennt das Vitus-Patronat auch bei Krüppeln, Lahmen, Tauben und Blinden. Er ist der Schutzpatron der geflügelten Haustiere, der Hunde und der Quellen.

Der Veits-Tanz
Aus welchen Legenden-Elementen hingegen die Schauspieler Tänzer und Gaukler ihre besondere Verehrung für Vitus herleiten, ist nicht so einsichtig. Vielleicht hat das etwas zu tun mit der besonderen Form der Besessenheit, die er an der Tochter des Kaisers geheilt hatte: die Epilepsie oder Fallsucht. Darauf geht aber ganz eindeutig der Fachbegriff «Veitstanz» zurück. Von daher ist es nicht mehr weit für seine übernatürliche Hilfestellung bei Besessenheit, Hysterie und Tollwut, bei Krämpfen bei kleinen Kindern oder anderweitiger Aufregung – womit der Kreis zum Bettnässen wieder geschlossen wäre. Dann ist Vitus auch noch zuständig bei zahlreichen Gebrechen wie Augenleiden, Gehörlosigkeit oder bei Schlangenbiss. Auch wird er gerne angerufen gegen Unwetter, Blitz und Feuersgefahr, für Aussaat und Ernte, gegen Unfruchtbarkeit und – für die Bewahrung der Keuschheit. Schlussendlich nehmen auch Sterbende zu ihm ihre Zuflucht.

Und alsbald krähte der Hahn
Noch eine letzte Zuständigkeit des heiligen Vitus sei erwähnt: er wird angerufen gegen zu langes Schlafen! Vielleicht weil sein Gedenktag im Bereich der Sonnwende liegt, knüpft sich in der Volksfrömmigkeit an diesen Heiligen der Glaube, er sei für pünktliches Wachwerden ohne Uhr zuständig:

«Heiliger Sankt Veit, wecke mich zur rechten Zeit;
nicht zu früh und nicht zu spät, bis die Glocke sieben schlägt.»
Bestimmt aber tritt hier der Hahn erfolgreich in Aktion, mit dem die Kunstgeschichte nach wie vor nichts anzufangen weiß…

Achatius

Der römsiche Oberst mit Dornenkrone und Kreuz
Gedenktag 22. Juni

Ein römischer Heerführer mit Lorbeerkranz und Siegespalme – ja. Aber mit Dornenkrone und Kreuz? – das muss ein sonderbarer Mensch sein. Schade, dass man nicht mehr von ihm weiß. Achatius gehört zu jenen Heiligen der christlichen Frühzeit, über die uns keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Was an Historischem fehlt, das hat die Erzähllust der Gläubigen mit viel Phantasie ausgeschmückt. Trotzdem ist auch bei Achatius ein historischer Kern auszumachen.

Protest gegen kaiserliche Willkür
Wenn man Geschichtliches von Legendärem trennt, so lässt sich sagen, dass Achatius aus der Provinz Kappadozien in der heutigen Türkei stammt. Wahrscheinlich war er ein Offizier im römischen Heer zur Zeit Kaiser Hadrians (117-138). Als er die Christenverfolgung unter Hadrian miterlebte, begann sich sein Gewissen zu regen. Wie konnte er dem Kaiser die Treue halten und gleichzeitig in seinem Auftrag die Christen verfolgen? Achatius kündigte dem Kaiser die Treue und bekannte sich zu Christus als seinem «neuen Kaiser». Auch die Folterungen, die er danach erleiden musste, konnten ihn nicht mehr vom Christentum abbringen. Er wurde mit anderen Christen nach Byzanz verschleppt und dort auf dem Folterrad hingerichtet. Sein Vorbild stärkte viele seiner christlichen Soldaten. Achatius wurde außerhalb der Stadtmauer bestattet. Über seinem Grab errichtete man zu seiner Ehre eine Kirche. Der erste christliche Kaiser Konstantin ließ später eine weitere Kirche errichten und dorthin die Gebeine des Märtyrers übertragen.

Der schwimmende Sarg
Schon bald bemächtigte sich die Legende dieser relativ einfachen und für die christliche Frühzeit «üblichen» Martyrer-Biografie. Denn man wollte unbedingt erklären, warum Achatius nicht nur in der Kaiserstadt Byzanz, sondern auch irgendwo in Süditalien verehrt wird, und warum die «echten» Reliquien sich eigentlich in Kalabrien befinden. Die Legende berichtet nun, dass nach seiner Hinrichtung Christen des Nachts heimlich auf den Richtplatz kamen und den Leichnam des tapferen Blutzeugen Achatius in einen Sarg legten. Sie warfen ihn ins Meer, und obgleich es sich um einen Zinnsarg handelte, soll er nicht untergegangen sein. Die Wellen sollen ihn von der oströmischen Hauptstadt Byzanz nach Kalabrien in Unteritalien und dort zur Stadt Chale getragen haben. Dort fand sein Leichnam eine letzte Ruhestätte. Über seinem Grab errichteten die Christen eine Kirche zu Ehren des Martyrers, der schon bald als Heiliger verehrt wurde.

Kreuzritter (er)finden neue Geschichten
Die Sensationslust der Menschen schuf immer wieder neue Geschichten. Als sich die Kreuzfahrer im 12. Jahrhundert anschickten, die Heiligen Stätten aus den Händen der Muslime zurückzuerobern, kamen sie offensichtlich mit viel altem Erzählgut in Berührung. Alles was von der Ehre der Ritter und Soldaten kündete, sogen sie in sich auf wie ein trockener Schwamm – schließlich diente dies auch der Rechtfertigung des bald außer Rand und Band geratenen Unternehmens «Kreuzzug». Die legendäre Ausschmückung der Lebensgeschichte des Achatius beeindruckte die Kreuzfahrer ganz mächtig. Sie brachten nicht nur diese neuen Geschichten nach Hause, sondern mit ihnen gelangte auch die Verehrung dieses Heiligen aus der frühchristlichen Zeit in den Westen.

Im Dornengestrüpp des Ararat
Eine Legende ist es vor allem, welche von den Kreuzfahrern immer wieder gerne erzählt worden ist: die Legende von den 10’000 Märtyrern, die mit ihrem Oberst Achatius am Berg Ararat in Armenien ins Dornengestrüpp geworfen worden seien.

«Oberst Achatius befehligte ein 9000 Mann starkes Heer im Kampf gegen Aufständische. Weil eine Niederlage unausweichlich schien, versprach Achatius, sich taufen zu lassen, wenn Gott helfen würde, die Schlacht doch noch zu gewinnen. So geschah es. Doch römische Legionäre erhielten nun den Befehl, die vom staatlich verordneten Glauben Abgefallenen mit Dornenästen zu schlagen und sie anschließend zu kreuzigen. Tausend der Legionäre ließen sich aber ebenfalls noch taufen und erlitten dann dasselbe Martyrium, so dass schließlich zehntausend um ihres Glaubens willen Ermordete zurückblieben.»

Die Legende erscheint uns unrealistisch und phantastisch. Sie ist aber mit ihren archetypischen Bildern auch heute noch modern. Eine der kunstgeschichtlich bedeutendsten Darstellungen dieses «Gemetzels am Ararat» stammt übrigens von keinem Geringeren als Albrecht Dürer.

Die Zehntausend und die alten Eidgenossen
Aber auch ohne Bilder ist die Erinnerung an die Zehntausend erhalten geblieben. Zu denen, welche das größte Vertrauen in die Hilfe der Zehntausend hatten, zählten die größten Haudegen der damaligen Zeit: die alten Eidgenossen! Die «Zehntausend Ritter» waren ihre heiligen Vorbilder. So erfuhren sie (z.B. in den Burgunderkriegen) besondere Ermutigung, wenn sie vor der Schlacht ihre Hilfe anriefen – oder gar seinen kirchlichen Gedenktag als Angriffszeitpunkt wählten. Der Ausgang dieser Kriege schien ihnen Recht zu geben…Eigentlich ein unschuldiger Mensch…Aber lange nicht alle Menschen nahmen die Hilfe und Fürbitte des Achatius für kriegerische Anliegen in Anspruch. Schließlich bedeutet sein aus dem Griechischen abgeleiteter Name «nicht böse», «unschuldig». (Er lässt sich zwar auch aus dem Hebräischen herleiten und bedeutet dann «Gott hält».) Das haben sich alle jene zu Herzen genommen, die unschuldig in Schwierigkeiten und Probleme geraten sind. Sie rufen Achatius an in schwerer Krankheit, in Verfolgung, in ausweglosen Situationen und bei Feuer. Er ist Helfer in allen Lebensnöten, vor allem bei Streit um Gerechtigkeit. Er soll in Zweifeln, in Lebensängsten stärken. Vor allem aber gilt er als Nothelfer vor allem in Todesangst – weil er selbst die Angst vor dem Tod überwunden hat.

…der Christus ähnlich geworden ist
Auch für die bildliche Darstellung des heiligen Achatius gilt ein strenger Kanon (Regeln). Stets erscheint er als Krieger in Rüstung, als Soldat mit Kreuz und Banner, Streitaxt oder Lanze in Händen. Palme und Schwert sind Zeichen für sein Martyrium. Manchmal sieht man ihn auch als Ritter oder Edelmann mit Herzogshut. Stets aber wird er charakterisiert mit Kreuz und Dornenzweig, Dornenkranz oder gar Dornenkrone. Mag auch die Legende für diese beiden Attribute verantwortlich sein, so steht dahinter auch das Bedürfnis, die Blutzeugen in eine bestimmte Ähnlichkeit zu ihrem Herrn und Meister zu stellen, der auch den gewaltsamen Tod erleiden musste: ans Kreuz genagelt, mit einer Dornenkrone auf dem Haupt.

Margareta von Antiochien

Die emanzipierte Frau
Gedenktag 20. Juli

Wer mag sich noch an den Schlager der Fünfzigerjahre erinnern, den wir als Jugendliche liebend gern auch auf den Straßen gesungen haben: «Marina, Marina, Marina, du bist ja die schönste der Frau’n.» Der Name Marina bedeutete uns zwar nichts Besonderes – ein Modename, den wir mit keinem und bekannten Mädchen identifizieren konnten. Uns ging es vielmehr um die schöne (junge) Frau an sich und eine dazu passende eingängige Melodie. Aber wer weiß denn, dass der Name ‚Marina’ nichts anderes ist als die griechische Form von ‚Margareta’? Als solche gehörte er früher zu den beliebtesten Mädchennamen – und Margareta ist eine der drei Nothelferinnen.

Kurzbiografie: sie lebte und starb
Wer ist aber diese Frau, deren Name so beliebt war und verehrt – nicht nur im Lied, sondern in allen Generationen während Jahrhunderten? Wie bei den meisten Nothelfern, gibt es auch über Margareta kaum gesicherte historische Angaben, sondern überwiegend nur legendarische Überlieferungen. Was wir wissen, ist wenig – aber das genügt uns. Es geht uns hier im Zusammenhang mit der Darstellung der Vierzehn Nothelfer nicht so sehr um das historisch gesicherte Lebensbild eines Heiligen. Es geht uns um die Hintergründe einer lebendigen, in der Volksfrömmigkeit tief verwurzelten Verehrung. Damit auch um das Verständnis für Religiosität, die nicht bloß der Vergangenheit angehört, sondern – richtig verstanden und gedeutet – auch heute noch relevant ist. Dies aber hängt nicht von einer historisch gesicherten Biografie ab.
Biografisch lässt sich das Leben der heiligen Margareta in einen einzigen Satz zusammenfassen: Margareta ist eine junge Christin in Syrien, die im Jahre 307 um ihres Glaubens willen gefoltert und enthauptet wurde.

Der Präfekt war «scharf» auf sie
Was über diese rudimentäre Lebensbeschreibung hinausgeht, müssen wir den Legenden entnehmen. Aber nur so wird Margareta «greifbar», «berührbar». In ihr werden zentrale Inhalte christlichen Lebens beispielhaft verkörpert. Man spricht heute gerne von «narrativer Theologie», also von erzählender, nicht dogmatischer Vermittlung des christlichen Glaubens. Genau dies tun nun die Legenden. Lesen wir einmal, wie uns eine er vielen Legenden das «Leben» von Margareta schildert:

«Margareta war die Tochter eines heidnischen Priesters in Antiochia. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wurde sie von eine christlichen Amme erzogen. So wurde sie selbst Christin. Als sie herangewachsen war, bekannte sie ihrem Vater gegenüber, dass sie an Christus glaube. Vor dem Wüten des Vaters flieht sie zu ihrer Amme und hütet dort die Schafe. Als der römische Präfekt Olybrius vorbeiritt, war er von ihrer Schönheit hingerissen und begehrte sie zur Frau. Sie weigert sich und bekennt sich zu Christus. Der Präfekt lässt sie ins Gefängnis werfen und brutal foltern. Mit eisernen Kämmen riss man ihr das Fleisch vom Leib. Aber in der Nacht kamen Engel und heilten ihre Wunden, so dass sie noch schöner und blühender war als zuvor. Als sie in der Nacht von Angst und Schmerzen gepeinigt wurde, erschien vor ihr der Lindwurm, ein gräulicher Drache und wollte sich auf sie stürzen. Sie aber schlug das Zeichen des Kreuzes über das Untier. Dann packte sie es mutig und warf es zur Erde nieder. Der Teufel aber schrie laut: «Weh mir, nun bin ich von einer schwachen Jungfrau überwunden worden» – und verschwand alsbald. Und mit einem Mal wurde das Gefängnis von einem wunderbaren Licht durchstrahlt; das gab Margareta himmlische Kraft und sie war getrost. Nach neuen Qualen, die ihr der Präfekt zufügte, wurde sie mit Fackeln gebrannt und schließlich enthauptet. Vor ihrem Tod kniete sie nieder und betete zu Gott für alle, die sie in ihren Nöten anrufen würden.»

Frühchristliche Frauen-Emanzipation
Das erste, was uns in dieser Legende in die Augen springt – ja springen muss – ist die Episode vom Vorüberritt des römischen Stadtpräfekten: «Er war von ihrer Schönheit hingerissen und begehrte sie zur Frau.» Oder etwas salopp ausgedrückt: Er war scharf auf sie, diese junge, hübsche Frau. Olybrius mochte seine hohe Stellung (oder schlicht und einfach sein «Mann-Sein») dazu missbrauchen, Margareta als Freiwild zu betrachten. Margareta verwahrt sich gegen ein solches Ansinnen – und setzt damit einen Mechanismus in Lauf, der ihr das Leben kosten wird.

Man wirft dem Christentum immer wieder vor, die Frau als unwertes Wesen zu behandeln. Wenn man aber der Legende glauben will – und wir haben keinen Grund, dies nicht zu tun –, hat Margareta in ihrem christlichen Glauben die Kraft gefunden, sich gegen männliche Anmaßung zu wehren. In einer andern Legendenversion lesen wir von Margareta: «Ich kenne Jesus Christus; er ist mein Bräutigam und ich liebe ihn von Herzen.» Der christliche Glaube erwies sich damals schon als einzige Möglichkeit, sich als Frau auf ihren Selbstwert zu berufen und ihr Selbstwertgefühl auszudrücken. Im Grund genommen finden wir hier einen Ansatz der Emanzipationsbewegung der Frauen – und dies bereits in frühchristlicher Zeit! Und wenn der Drache im Gefängnis schrie: «Weh mir, nun bin ich von einer schwachen Jungfrau überwunden worden», dann ist das nichts anderes als die Bankrott-Erklärung des Drachens, des Bösen – mehr noch: des (antiken wie modernen) Macho-Gehabes überhaupt.

Sie hat die kostbare Perle gefunden
Der Name ‚Margareta’ stammt aus dem Griechischen und bedeutet ‚die Perle’. Seinen Selbstwert gewinnen kommt dem Fund einer Perle gleich. Dass dies alles andere als einfach ist, zeigt uns die Geschichte der Heiligen Margareta. Ihr Weg war mühsam. Erst musste sie sich gegen den Vater durchsetzen, der sie von ihrem Weg abhalten wollte. Dann musste sie sich gegen den Präfekten Olybrius abgrenzen, der sie leidenschaftlich zur Frau begehrte. Sie musste durch zahlreiche Folterungen gehen. Sie hat dies nicht aus eigener Kraft geschafft; sie wusste die Engel Gottes um sich, die ihre Wunden immer wieder heilten. Sie haben in ihr das ursprüngliche Bild Gottes in seiner Reinheit dargestellt hat. Margareta hat die kostbare Perle gefunden.

Das haben die früheren christlichen Generationen gespürt. Wohl darum ist Margareta eine so beliebte Heilige geworden. In ihrer Geschichte kommt deutlicher als in vielen anderen Legenden zum Ausdruck, welche emanzipatorische Kraft im christlichen Glaube verborgen liegt. Aber eben: man muss diese Perle suchen! Margareta ist das Bild des Menschen, der die kostbare Perle gefunden hat. Ihre Geschichte zeigt, wie auch unser Weg der Selbstwerdung gelingen kann.

«Mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann,
der schöne Perlen suchte.
Als er eine besonders wertvolle Perle fand,
verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.»
(Matthäus 13,46)

Kerzenlänge = Leibesumfang
Die Legende der Heiligen Margareta hat die Phantasie der gläubigen Menschen auf vielfältigste Weise angeregt. Kein Wunder, dass ihr zahllose Patronate anvertraut worden sind. So ist Margareta die Patronin der Jungfrauen und Ehefrauen sowie des Nährstandes (Bauern); sie gilt als Fürsprecherin der Armen und wird gegen Geisteskrankheit und (eheliche) Unfruchtbarkeit angerufen. Man bittet bei ihr um glückliche Geburt, um Verzeihung der Sünden und um Errettung aus jeder Gefahr. Darüber hinaus wird sie als «Rodungsheilige» verehrt, da vor der christlichen Kultur die «Walddrachen» zurückwichen.

Zu ihrem Patronat über die gebärenden Frauen kam die heilige Margareta übrigens wegen der Legende: Im Gefängnis habe sie der Drache verschlungen, sei aber durch ihr Kreuzzeichen zerrissen worden, so dass die Jungfrau seinem Leib unverletzt wieder entsteigen konnte. Früher war es üblich, dass Frauen, die eine schwere Geburt zu erwarten hatten, zu Ehren der heiligen Margareta eine Kerze opferten, die so lang war wie der Leibesumfang der Schwangeren.

Mit dem Drachen an der Leine
Eine der beliebtesten und ältesten Heiligengestalten, ist Margareta sehr oft bildlich dargestellt worden. Es gibt kaum einen großen Künstler, den diese heldenhafte Jungfrau nicht zu Meisterwerken angeregt hätte. Vielfältig sind auch die Darstellungsformen. Auf Grund ihres Namens «die Perle» sieht man sie auf Bildern gerne mit perlenbesetzter Krone auf dem Haupt. – Manchmal sieht man auch ihre Marterwerkzeuge: Fackeln oder Eisenkamm. Buch und Palme stehen für den Glauben, für den sie ihr Leben hingab. – Immer aber wird sie mit dem Drachen dargestellt, den sie wie ein Hündlein an einer Leine führt. Auch trägt sie in diesen Darstellungen ein Handkreuz oder Stabkreuz in der Hand, mit dem sie den Drachen besiegt hat.
Übrigens ist die Perle (ebenso wie die Flamme oder Fackel) ein weibliches Unsterblichkeitssymbol.

Regen an Margretentag…
Der Margaretentag hatte im bäuerlichen Jahr eine besondere Bedeutung. Es war der Beginn der Ernte: «Die erste Birn‘ bringt Margaret‘, dann überall die Ernt‘ angeht.» In vielen Gegenden war es auch der Termin, an dem die Bauern den Pachtzins zu zahlen hatten. Somit wurde ihr Gedenktag am 20. Juli auch zu einem wichtigen Lostag. Besonders gefürchtet ist Regen: «Regen am Margaretentag bringt viel Klag‘.» «Hat Margareta keinen Sonnenschein, kommt das Heu nicht trocken rein.» «Gegen Margareten und Jakoben die stärksten Gewitter toben.» – Eine andere Wetterregel für den 20. Juli besagt: «Wie das Wetter an Margaret, dasselbe so vier Wochen steht.»

Die drei heiligen Mad’l

Unter den Vierzehn Nothelfern finden sich gerade drei Frauen. Aber diese haben sich gegenüber den meisten ihrer männlichen Kollegen auf Dauer behauptet. Von ihnen geht zu andern deutschen Landen der Spruch:

«Margareta mit dem Wurm,
Barbara mit dem Turm,
Katharina mit dem Rad’l,
das sind die drei heiligen Mad’l.»

Auch sprachlich sind den drei Frauen eindeutige Patronate zugeordnet:Margareta der «Nährstand»Barbara der «Wehrstand»

Katharina der «Lehrstand».
Übrigens: Mit dem Wurm ist nicht der kleine Regenwurm gemeint, sondern der riesige «Lindwurm» – ein altes Wort für den Furcht und Schrecken einflößenden Drachen.

Christophorus

Der Hinüberträger
Gedenktag 24. Juli

Dieser Nothelfer gehört zu den populärsten Heiligen des Morgen- und des Abendlandes. Der Legende nach ist er ein Riese, oder zumindest ein starker Kerl, der nach kriegerischem Leben an einem Fluss als «Hinüberträger» arbeitet. Eines Tages trägt er ein Kind, das sich als so schwer erweist, dass er unter der Last fast zusammenbricht. «Du hast nicht nur die ganze Welt getragen sondern auch denjenigen, der die Welt erschaffen hat!» sagt das Kind. Es heißt ihn seinen Stab in den Boden stecken; dieser schlägt Wurzeln und treibt Blüten. Seither wird der Riese «Christophorus» genannt, «Christus-Träger».

Mehr als bloße Legende
Christophorus ist eine stark legendenharte Figur. Dass es ihn aber gab, ist nicht bloß durch einen Christen dieses Namens belegt, der aus Kappadozien oder Lykien (in der südlichen Türkei) stammt und um das Jahr 250 unter Kaiser Decius den Märtyrertod gestorben ist. Seine Existenz – in welcher Gestalt auch immer – lässt sich aus der frühen Verehrung des Heiligen und aus frühen Kirch- und Klosterweihen zu seiner Ehre ableiten. Das Fest des Heiligen Christophorus ist schon um 450 im so genannten «Martyrologium Hieronymianum» (einem alten Heiligenkalender) erwähnt. Im Jahre 452 wurde ihm in Chalzedon (heute ein Stadtteil von Istanbul), im Jahr nach dem großen Ökumenischen Konzil von Chalzedon, eine Christophorus-Kirche geweiht und gegen 600 in Galatien (Zentraltürkei) ein Frauenkloster unter das gleiche Patronat gestellt. Seit dem 9. Jahrhundert ist sein liturgischer Gedenktag in der gesamten Kirche gehalten worden – bis vor wenigen Jahren bei der Reform des Heiligenkalenders im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils sein Gedenktag einfach gestrichen wurde!

Ein hundsköpfiges Ungeheuer
Über diese spärlichen historischen Belege und Andeutungen hinaus ist uns die Gestalt des Christophorus vor allem über seine jüngere Legende in lebendiger Erinnerung geblieben. Allerdings orientieren wir uns dabei fast ausschließlich an der jüngeren Version: dem Riesen mit dem Jesuskind. Nach einer älteren, aus dem 8. Jahrhundert stammenden «Passio» (einem aus ostkirchlichen Quellen herausgewachsenen Märtyrerbericht) soll er ein hundsköpfiges Ungeheuer (ein Kynokephale) gewesen sein, das erst durch die Taufe die Sprache erlernte, den Namen Reprobus annahm, Soldat wurde und als Märtyrer hingerichtet wurde. Diese ältere Christophorus-Legende ist den wenigsten von uns bekannt. Sie sei daher im Folgenden kurz wiedergegeben.

«Nach seiner Taufe zog Christophorus – trotz Christenverfolgung – lehrend und predigend durch die Lande. Er kam zu einem König nach Lykien, wo er die Sprache nicht verstand und verwirrt darniederlag, als man ihn im Gebet fand. Durch dieses Gebet wurde ihm das Verständnis der Sprache erschlossen und er konnte nun auf dem Richtplatz den dort gemarterten Christen Worte der Stärkung zusprechen. Ein Richter schlug ihn, Christophorus steckte seinen eisernen Stab in den Boden, der grünte und blühte; dieses Wunder bekehrte 8.000 Menschen.
Der die Christenverfolgung befehlende König ließ Christophorus einkerkern und schickte zwei Dirnen zu ihm, Micäa und Aquilina, die ihn abspenstig machen sollten. Aber sie wurden von Christophorus bekehrt, deshalb vom König grausamen Martern unterworfen und enthauptet. Dann schickte der Herrscher 200 Kriegsknechte aus, um den Riesen zu greifen; sie vermochten es nicht, denn er erhielt übermenschliche Kraft aus dem Gebet. Weitere 200 Knechte wurden ausgeschickt, aber sie bekehrten sich und wurden enthauptet. 400 Bogenschützen sollten ihn nun erschießen, die Pfeile blieben aber in der Luft stehen, und als der König dies für Zauberei hielt, traf ihn ein Pfeil und machte ihn blind. Christophorus sagte zu ihm: «Morgen bin ich tot, dann nimm von meinem Blut, mische es mit Erde, lege es auf dein Auge, und du wirst geheilt.» Christophorus wurde dann enthauptet, der König tat nach seinen Worten, wurde sehend und bekehrt. Mühsam schleppten die Kriegsknechte den Leichnam des hundsköpfigen Riesen zum Stadttor hinaus.»

Er will nur dem Mächtigsten dienen
Diese Legende wurde nun im 13. Jahrhundert im Westen durch die Christusträger-Legende erweitert. Aus der Figur des «Hundsköpfigen» wurde ein «Riese» mit Namen Offerus, von furchtbarem Antlitz und 12 Ellen hoch. Er sucht den mächtigsten aller Könige, nur diesem will er dienen. Er trägt das Christuskind auf den Schultern über den reißenden Fluss: aus Offerus wird Christ-Offerus; «Christusträger» ist sein Name. Damit aber wird dieser Heilige zu einem menschlichen Typus, dessen individuellen Züge je länger je mehr zurücktreten und einem echten «Vorbild» Platz machen.

Riese mit Kind und Baumstamm
Als solcher «Christusträger» strahlt er uns auch in den meisten Bildern entgegen. In der Tat ist dieses Motiv in der Kunst häufig behandelt worden. Alle großen Meister haben sich mit ihm auseinandergesetzt: Giovanni Bellini, Hieronymus Bosch, Lukas Cranach d.Ä., Lorenzo Lotto, Andrea Mantegna, Konrad Witz – um nur einige wenige zu nennen. Zahllos aber sind seine Darstellungen von Kleinmeistern
Auch auf unserem Bild trägt seine übergroße Gestalt das Jesuskind auf den Schultern. Er hält einen Baumstamm in Händen und schreitet durchs Wasser. Das Kind hält eine bekreuzte Weltkugel in Händen.

Patron der Lastenträger und Autofahrer
Damit wären wir bei jenen angelangt, die den Heiligen Christophorus als ihren Schutzpatron verehren und anrufen. Wollte man alle Patronate aufzählen, man käme wohl an kein Ende. Die nachfolgend genannten sind eigentlich die meisten direkt oder indirekt aus der obigen Holzschnitt-Darstellung ableitbar. So ist er begreiflicherweise der bevorzugte Patron der Schiffer, Fährleute, Flößer und Brückenbauer, der Lastenträger und aller Berufe, die große Kraft erfordern. Auch Wanderer, Pilger und Reisende erbitten durch ihn Schutz und Heil. Er hilft in Wassergefahr und in allen gefahrvollen Unternehmungen. Aufgrund des grünenden, fruchttragenden Stabes rufen ihn auch die Gärtner, Obstbauern und Obsthändler an.
«Behüt‘ uns am Steuer!»
Nicht vergessen sei jedoch das Patronat des Christophorus, das vor allem bei Autofahrern beliebt ist. Sie bitten vertrauensvoll, dass derjenige, welcher das Christuskind sicher durch die gefährlichen Fluten getragen hat, auch uns durch alle Gefahren des Straßenverkehrs geleiten möge und
dass wir durch unser Verhalten im Verkehr niemand gefährden oder verletzen. «Christophorus, du Treuer, behüte uns am Steuer» – so beten viele, wenn sie sich ans Steuer setzen. – Im übrigen gibt es in unserer Gegend gar eine Autoversicherung, welche den Namen Christophorus trägt…

Der «Hinüberträger»
Nach dem Volksglauben des Mittelalters war das Anblicken des Jesuskindes auf der Schulter des Christophorus ebenso wirksam wie der Anblick der Eucharistie. Wem dieser Anblick gewährt wurde, starb an dem Tage keines unversehenen Todes. Als unversehenen, jähen Tod betrachtete man das Sterben ohne die heiligen Sakramente. Daher waren Christophorus-Darstellungen in und an den Kirchen riesengroß, damit alle dieser Schau teilhaftig werden konnten. Und so gilt er als der große «Hin-überträger»: Er geleitet den Menschen über den Fluss des Lebens aus dem Diesseits sicher ans andere Ufer der Ewigkeit.

Den Christennamen tragen
Man muss Legenden lesen – «der eigenen Seele wegen», wie ein berühmter Theologe sagte. Zum Beispiel die von dem Riesen, der nun seit Jahren Reisende durch den Fluss trägt – im Dienst des ihm noch unbekannten Christus. Und eines Tages, wie er da in seiner Hütte schläft, hört er eine Kinderstimme: «Komm heraus, bring mich hinüber!» Draußen ist aber niemand, und er kehrt zurück. Das Ganze wiederholt sich noch zweimal, und dann ist da der kleine Bub, der gerufen hat. Der Riese nimmt das Kind auf seine Schultern und mit einem jungen Baumstamm in der Hand stapft er in den Fluss hinein. Und was dann passiert, wissen noch viele: dass das Wasser mehr und mehr anschwillt und der Knabe immer schwerer wird, je weiter es in den Fluss hineingeht. Er erreicht das Ziel nur mit Müh und Not; auf seinen Schultern das Kind ist natürlich nicht tot, muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen: «In große Gefahr hast du mich gebracht, Knabe! Wie wenn ich die ganze Welt getragen hätte, so schwer warst du!» – «Wundere dich nicht», ist die Antwort, «du hast nicht nur die ganze Welt auf dir gehabt, sondern auch den noch, der die Welt geschaffen hat. Ich bin Christus, dein König, dem du mit dieser Arbeit dienst. Zum Beweis dafür steck deinen Stab, wenn du zurück bist, neben deiner Hütte in die Erde, und morgen früh wird er blühen und Frucht tragen!» Damit war das Kind verschwunden, und tatsächlich, der eingepflanzte Baumstamm hat am nächsten Tag Laub und Datteln getragen wie eine Palme. Sein Besitzer aber ist seit dieser Taufe als der heilige Christophorus bekannt – als «Christusträger».

Kann man plastischer darstellen, was Christ sein, was «den Namen Christi tragen» – und nicht nur den Namen! – eigentlich heißt, als es die Legende mit ihrer Namensdeutung tut? Wer immer sich angesprochen fühlt, ist eingeladen, «seiner eigenen Seele wegen» dieses legendären Heiligen zu gedenken – und das nicht nur beim rücksichtsvollen Autofahren!…

Pantaleon

Ein Arzt für Leib und Seele
Gedenktag 27. Juli

Das amtliche Siegel der Medizinischen Fakultät der Universität Köln zeigt einen Mann mit Märtyrerpalme und Salbenbüchse in Händen: den Heiligen Pantaleon. In unsern Breitengraden ist dieser Heilige höchst unbekannt. Nur gute Kenner der Schweizer Geografie wissen auch, dass es im solothurnischen Schwarzbubenland ein Dorf namens St. Pantaleon gibt. Doch in der altehrwürdigen Stadt am Rhein ist Pantaleon fast allgegenwärtig. Die Kirche St. Pantaleon ist eine der bedeutendsten romanischen Kirchenbauten überhaupt. Abgesehen davon, dass Pantaleon einer der großen Kölner Stadtpatrone ist. Ein Grund dafür liegt nicht zuletzt in der Heirat des Deutschen Kaisers Otto II. mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu aus Konstantinopel…

Historisch nicht fassbar
Auch im Kreis der Vierzehn Nothelfer ist Pantaleon einer der am wenigsten populären Heiligen. Er ist uns recht fremd und unbekannt. Dies obwohl er nicht nur in Köln, sondern auch in der Ostkirche zu den ganz Großen gezählt wird.
Gesicherte historische Daten über Pantaleon fehlen, vermutlich kam er während der Christenverfolgung unter Diokletian um 305 ums Leben. Aber selbst kritische Geschichtsforscher kommen zum Schluss: «Existenz und Martyrium dieses Heiligen sind echt, sein ärztlicher Beruf ist durch zuverlässige Tradition verbürgt.» Mehr aber auch nicht!! Pantaleon teilt dieses Schicksal mit zahlreichen seiner ‚Kollegen’ aus dem Nothelferkreis. Dafür umgibt ein Kranz von Legenden das Bild dieses Mannes. Das aber mindert die Vertrauenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit dieses senkrechten Christen in keiner Weise. Aus ihnen strahlt uns die Wahrheit entgegen, dass jeder Heilende das Zusammenspiel von Leib und Seele ernst nehmen muss, wenn er verantwortungsbewusst helfen will.

Der Löwenstarke und Mitfühlende
Lassen wir kurz die Legende sprechen: Pantaleon war ein berühmter Arzt; er brachte es sogar bis zum Leibarzt des Kaisers Maximian – eines notorischen Christenhassers. Neben den körperlichen und seelischen Nöten half er vielen Armen mit seinem Vermögen. Er wurde durch den Priester Hermolaos bekehrt und getauft. Als bekannt wurde, dass er Christ war – neidische Arztkollegen hatten ihm beim Kaiser Maximian verraten – wurde er vor Gericht geführt. «Lieber sollen meine Hände verdorren, als dass ich sie zum Schwur der heidnischen Götter erhebe», soll der überzeugte Christ Pantaleon gesagt haben. Nach vielen Peinigungen wurde er an einen Olivenbaum (Ölbaum) gebunden, seine Peiniger nagelten ihm beide Hände auf den Kopf und enthaupteten ihn. Aber seine Standhaftigkeit konnte durch Geißelung, Gebranntwerden, Hunger und andere Marter nicht erschüttert werden. Er ‚musste’ enthauptet werden. Sterbend noch betete er für sie und erflehte Gottes Barmherzigkeit für seine Henker. Darauf geht auch sein Name ‚Pantaleon’ zurück: der Mitleidige, der Allerbarmer, der ganz Mitfühlende. Eine andere Deutung seines Namens charakterisiert ihn als den Löwenstarken. – Das geschah zur Zeit der Diokletianischen Christenverfolgung im Jahre 305 in Nikomedien in Kleinasien.

Im Osten einer der Großen
Die Geschichte seiner Verehrung dagegen ist historisch relativ gut belegbar. Im ostkirchlichen Raum wird er seit dem 4. Jh. als Großmärtyrer (‚Megalomartyr’ – wie Ritter Georg), als Wundertäter (Thaumaturgos – wie Bischof Blasius) und als ‚unentgeltlich Helfender’ (Anargyros) verehrt. Mit letzterem ist gemeint, dass er zu den unentgeltlich heilenden «heiligen Ärzten» gehört – wie Kosmas und Damian.
Der Pantaleon-Kult verbreitete sich von Kleinasien über den ganzen Orient und Nordafrika schon sehr früh nach Europa. So gab es bereits im 5. Jahrhundert in Rom vier Pantaleon-Kirchen. Kaiser Justinian ließ ihm zu Ehren im 6. Jahrhundert in Konstantinopel eine Kirche bauen. Von hier brachte der Kölner Erzbischof Gero im Jahre 871 Reliquien in die Stadt am Rhein. Das dortige Benediktinerkloster erhielt sogar den Schädel des Heiligen aus dem fernen Kleinasien. Und da war eben Theophanu, die von der byzantinischen Prinzessin zur deutschen Kaiserin wurde.

Milch statt Blut
In einer legendarischen Passionserzählung aus dem 5./6. Jahrhundert wird berichtet, Pantaleon sei enthauptet worden, doch statt Blut sei Milch aus seinem Körper geflossen. (Ähnliches wird übrigens auch von der Heiligen Katharina von Alexandrien und anderen Heiligen, z.B. dem Heiligen Januarius von Neapel berichtet.) Jedenfalls wurden in Konstantinopel und in anderen Kirchen so genannte Pantaleon-Ampullen gezeigt, welche angeblich das Blut bzw. die Milch aus dem enthaupteten Körper enthalten. Im Konvent der Augustinerinnen in Madrid geschieht an jedem 27. Juli das so genannte Pantaleonwunder: das Blut in der Ampulle verflüssigt sich und wallt auf.

Hände auf den Kopf genagelt
Entsprechend der Legende seines Martyriums wird Pantaleon gerne dargestellt, wie er an einen Ölbaum gefesselt ist, die Hände auf den eigenen Kopf genagelt. Er ist meist jugendlich und bartlos dargestellt, bekleidet mit einem langen Mantel, und trägt eine Märtyrerpalme in seinen Händen; manchmal sind ihm auch die Marterinstrumente (Nägel, Geißel und Rute) beigegeben. Oder aber ein Löwe – lesen Sie die Legende aufmerksam durch! Mit Arzneiflasche und einer am Gürtel hängenden Bestecktasche oder mit Salbenbüchse und Uringlas führt er die Zeichen des Ärztestandes mit sich.

Patron der stillenden Mütter
Kein Wunder, dass der unentgeltlich heilende Arzt Pantaleon zum eigentlichen Patron der Ärzte geworden ist. Aber auch Hebammen und Krankenpflegende nehmen zu ihm ihre Zuflucht. Ammen und stillende Mütter haben ihn zum Patron erhoben – wohl wegen der Milch, die aus seinem enthaupteten Leib geflossen ist; auch bewahrt er sie vor Krankheit und Auszehrung.
Pantaleon wird auch zugunsten der Haustiere angerufen, bei Viehkrankheiten, bei Viehseuchen und gegen Heuschreckenplage. Und selbstverständlich ist er der unentbehrliche Helfer gegen Kopfweh und andere Kopfleiden und soll vor allem bei Verlassenheitsgefühl Gesellschaft leisten. – Sein Fest wird am 27. Juli gefeiert.

Die Legende des Heiligen Pantaleon
In einem deutschen ‚Passional’ aus dem Jahre 1471 ist uns eine Legende des Heiligen Pantaleon erhalten, die uns weit über das Bedürfnis nach historischer Greifbarkeit hinausführt. In ihr wird ein neues, eben christliches Modell des heilenden Arztes vorgestellt.

«Als Diokletian und Maximian das Reich inne hatten, da war ein Senator in der Stadt Nistodonia (heute Izmid bei Konstantinopel), der hatte ein seliges Kind, das hieß Pantaleon. Seine Mutter soll heimlich eine Dienerin Christi gewesen sein. Der Vater ließ seinen Sohn die Zeit nicht unnütz vertun und wehrte ihm alle Unzucht. Des folgte ihm das Kind gern. Nun hatte der Kaiser einen Kämmerer, der war ein weiser Arzt. Dem empfahl man das Kind, dass er es auf Arznei lehre. Und es lernte mit Fleiß und hatte guten Willen dazu.

Der Arzt führte das Kind oft in des Kaisers Palast. Und wenn der Kaiser das schöne Kind sah, sprach er jedes Mal: «Es ziemte dir wohl, dass du ein Herr des Reiches wärest.» Nun musste das Kind oftmals durch ein Haus gehen, worin ein heiliger Mann wohnte, der hieß Hermolaos. Der gewann das Kind lieb, und es ward ihm von Gott kundgetan, es würde ein guter Mensch aus ihm. Und er sprach gütlich zu ihm: «Du solltest dich taufen lassen», und lehrte ihn viel gute Lehren. Das merkte sich das Kind mit ganzem Fleiß, ward aber noch nicht getauft.

Einstmals ging Pantaleon spazieren. Da sah er ein Kind am Wege liegen, das war von einer Natter getötet. Da erschrak er, gedachte aber an das, was ihm Hermolaos gesagt hatte. Wer Gottes Diener sein wolle und ihn bitte, was es auch sei, das würde ihm gewähret werden. Und sprach bei sich: «Begehret Gott mich zu seinem Diener, so möge er das Kind lebendig machen.» Gleich danach wurde das Kind lebendig und sagte: «Du hast gnädig an mir getan»; und es brach die Natter auseinander. Da sprach Pantaleon: «Wir sollten zu Hermolaos gehen und uns taufen lassen.» Und sie gingen zu dem heiligen Mann und empfingen beide die Taufe.

Pantaleon ward eine rechte Krone des Glaubens und ein guter Arzt. Er wollte auch seinen Vater dazu bringen, an Christum zu glauben. Aber der hing an seinem Wahne. Einmal ging er aus mit seinem Vater, da sahen sie einen blinden Mann. Da sagte Pantaleon zu dem Blinden: «Willst du an unsern Herrn Jesum Christum glauben, so will ich dir neue Augen machen.» Da sprach der Blinde: «Sollt ich wirklich den Tag wiedersehen, so will ich an Jesum Christum glauben.» Da legte Pantaleon seine Hände auf des Blinden Augen und sprach: «Lieber Herr, gib dem Mann seine Augen wieder durch meinen Willen, des bitt ich Dich.» Da ward der Mann sehend und ließ sich taufen und all sein Gesinde mit ihm. Die blinden Augen seines Vaters aber waren durch dies Wunder aufgetan und er glaubte.

Danach sagte man dem Kaiser, dass Pantaleon ein Christ wäre und viele Zeichen täte. Darüber erboste er sich und ließ ihn vor sich bringen. Und sprach: «Wie hast du dich verkehret, dass du unsere Götter verlassen hast. Du bist so edel und reich, drum ziemt es sich, dass du unsere Götter anbetest. Tust du das, so will ich dich allezeit ehren.» Zu der Zeit aber, als der Kaiser das sagte, lag ein todsiecher Mann in der Stadt. Den kannte Pantaleon und sprach: «Kaiser, es können alle deine Götter diesen Mann nicht gesund machen. Du versündigst dich, dass du der Christen Glauben schmähst.» Und er machte alsbald den Mann gesund im Namen Gottes. Als das der Kaiser sah, zürnte er sehr, denn er fürchtet, er würde noch viele Menschen bekehren.

Nun führten die anderen Ärzte der Stadt aus Neid Klage wider Pantaleon beim Kaiser und sprachen zu ihm: «Wenn du ihn nicht unschädlich machst, großer Kaiser, so wird unser Gott Äskulap bald verachtet werden.» Da hieß der Kaiser Pantaleon mit starken Banden binden und ihn sehr schlagen. Dann hieß der Kaiser viel glühendes Blech bringen und ihm das so lange an seinen Leib halten, bis er nahezu verbrannt war. Wie er aber in diesem großen Leiden war, betete er zu Gott. Da hieß ihn der Kaiser in den Kerker werfen und verbot, ihm zu essen oder zu trinken zu geben. Aber Gott selber pflegte ihn in der Gestalt des Hermolaos und tröstete ihn in seinem Leiden. Und machte ihn also gesund als ob er nie wund gewesen wäre und verschwand. Da freute sich Pantaleon des Trostes gar sehr und dankte Gott für seine Gnade. Als man dem Kaiser sagte, Pantaleon sei frisch und gesund, ergriff ihn Wut, und er hieß ihn ertränken. Aber die Wellen trugen ihn ans Land. Dann ließ er ihn in seinen Tiergarten bringen, da waren viel gräuliche Tiere, Leuen und Bären. Aber die Tiere empfingen ihn freundlich und taten als wollten sie ihm dienen. Und da er lange bei ihnen gewesen, ging er unversehrt aus dem Garten. Als die Menschen das sahen, ließen sich gar viele taufen. Als der Kaiser das hörte, befahl er den Heiligen zu töten. Da banden seine Diener ihn an einen dürren Ölbaum und schlugen ihn so lange mit Dornen, bis das Blut von ihm rann und den Baum und die Erde tränkte. Gott aber ehrte seinen Heiligen mit einem schönen Zeichen. Wo sein Blut hinging, da ward nämlich alles grün und schön und der dürre Baum tat blühen und trug süße Frucht. Und überall wo sein Blut hinkam, ward alles voller Rosen, Lilien und Veilchen. Als die Menschen dies sahen, ließ sich wiederum viel Volk taufen. Und Sankt Pantaleon dankte Gott für seine große Gnade. Nun war aber ein Ritter, der ärgerte sich an dem Zeichen und band Sankt Pantaleons Hände über seinem Haupt fest und schlug ihm einen großen Nagel durch die Hände mitten in sein Haupt. Da sah er auf gen Himmel und sprach: «Herr Jesu Christe, sei mir gnädig und mach meiner Marter ein Ende, ich empfehle meinen Geist in Deine Hände.» Und als er dies gesprochen hatte, da flog seine Seele aus und fuhr zu den ewigen Freuden. Da nahmen Heiden seinen Leib und verbrannten ihn zu Pulver. Aber die Christen kamen und begruben das Pulver in der Stadt Nikomedia.»
Pantaleon – der christliche Äskulap
Diese Legende aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts lässt erkennen, dass Pantaleon mehr ist als ein bloßer, unentgeltlich heilender Arzt. In ihr wird unser Heiliger bewusst als christlicher Nachfolger des Äskulap dargestellt. Äskulap (oder Asklepios), der Sohn des Apollo, ist der griechische Gott der Heilkunst. Heidnische Ärzte verklagten Pantaleon aus Berufsneid beim Kaiser, er würde durch seine Kunst ihren Gott der Heilkunst lächerlich machen. Die Legende übernimmt zahlreiche Elemente aus der griechischen Mythologie und deutet sie in einem christlichen Rahmen.
Pantaleon erweckt ein Kind zum Leben, das von einer Natter gebissen wurde. Dass der Stab mit der Natter bis heute Symbol der Ärzte ist, geht wohl auf den Mythos zurück, nach welchem er Glaukos das Leben wiedergab, nachdem er durch eine Schlange ein Kraut kennen gelernt hatte, das Tote erwecken konnte.
In mehreren Kirchen werden Glasgefäße aufbewahrt, sogenannte Pantaleons-Ampullen, die angeblich das Blut des christlichen Märtyrers enthielten – eine reizvolle Umwandlung der beiden Gläser mit dem Blut der Medusa, die Asklepios von Athene erhielt. Mit dem Blut aus der linken Seite konnte er Tote erwecken, mit dem aus der rechten Seite konnte er vernichten.
Mit Athene selbst verbindet den Pantaleon auch noch der Olivenbaum, an den er bei seinem Martyrium gebunden war. Hier kehrt ein besonders schönes Bild wieder: Wie aus dem Blut des Adonis die liebliche rote Anemone erblühte, die im Frühling die Berghänge der Mittelmeerländer so bezaubernd schmückt, so blühen in der Legende aus dem Blut des gegeißelten Pantaleon Rosen, Lilien und Veilchen. Auch die Blumen werden aus einem antiken zu einem christlichen Symbol. Die Namen, die Bilder mögen wechseln – Mythen, Legenden, Märchen erzählen doch von dem, was uns immer bewegt: von Krankheit und Heilkraft, Tod und Auferstehung.

Cyriakus

Der Beistand bei Besessenheit
Gedenktag 8. August

Not lehrt beten
Not ist des Volkes treuester Begleiter durch die Jahrhunderte. Wohl wechselt ihr Name, heißt bald Hunger oder Krieg, Pest oder Feuer, Krankheit oder Tod. Immer aber ist und war sie da, brachte Sorge und Schmerz im Auf und Ab Jahrhunderte langen Zeitgeschehens. Der Einzelne mag ihr zu entgehen suchen, mag gegen ihr Zugreifen sich sichern und versichern, aber auch der schlichteste Bauer, der einfachste Mensch weiß etwas davon, dass die harten Wegbiegungen des Lebens sich zum religiösen Erleben formen, dass Not Beten lehrt.
Das war im 14 Jahrhundert, als das Volk schwer an sozialen Missständen zu tragen hatte, als der gefürchtete apokalyptische Reiter, die Pest durch die Lande jagte, als die Menschen zu Hunderten an der Pest starben. Damals hat man Ausschau gehalten nach Heiligen, denen man vorbehaltlos alle Not anvertrauen konnte. So entstand jene seltsame Gruppe von Heiligen, die als die Vierzehn Nothelfer weit in den Landen bekannt wurden, deren Verehrung heute noch tief im Volke wurzelt.

Das Vorrecht, «die Teufel zu binden»
Zu den Vierzehn Nothelfern gehört auch der Heilige Cyriacus. Als das Volk ihn mit diesem Ehrentitel auszeichnete, war er auch nordseits der Alpen schon längst kein Fremder oder Unbekannter mehr. Bereits 847 waren seine Gebeine nach Deutschland, in die Rheinpfalz, in die Nähe von Worms gekommen. Von hier aus strahlte seine Verehrung weit nach allen Richtungen aus. Und auf den Wegen zu seinem Heiligtum traf man Pilger, die von weither kamen, um beim Heiligen Cyriacus sich Trost und Hilfe zu erbitten
Wie jedem der heiligen Vierzehn war auch ihm nach der Vorstellung gläubiger Volkstümlichkeit von Gott ein Sonderrecht eingeräumt worden: das Vorrecht, «die Teufel zu binden». Darum wandte sich das Volk an Cyriacus vor allem in Gewissensangst und Seelenleiden, in all jenen Nöten, wo der Betrug des bösen Feindes gänzlich in Erscheinung tritt. Aber nicht von ungefähr war unser Heiliger mit den bösen Mächten in Verbindung gebracht worden. Zweimal hatte er zu Lebzeiten damit zu tun, zweimal hat er durch sein Gebet Menschen, die von einem bösen Geist besessen waren, geheilt: die Tochter des Kaisers Diokletian und eine Tochter des persischen Königs Sapor. So erzählt wenigstens die Legende von ihm.

Die Legende vom Heiligen Cyriakus
«Zum Bau der diokletianischen Thermen in Rom setzten die Römer Christen als Zwangsarbeiter ein. Ohne Unterschied von Stand, Alter und Geschlecht, ohne Entgelt oder Betreuung mussten sie die schwersten Arbeiten verrichten. Die Aufseher gingen unmenschlich mit ihnen um, sie wurden geschlagen und misshandelt, bis sie elend zugrunde gingen. Ein reicher Bürger der Stadt Rom erbarmte sich dieser gepeinigten Menschen und bediente sich eines christlichen Diakons mit Namen Cyriakus, um den Bedrängten Lebensmittel und sonstige Hilfe zukommen zu lassen. Bei dieser Liebestätigkeit sollen Largus und Smaragdus sowie eine andere Christin dem Cyriakus geholfen haben. Bald entdeckten jedoch die Aufseher ihr Tun und zwangen sie, ebenfalls Frondienste zu leisten. Jetzt halfen Cyriakus und seine Gefährten den armen Brüdern noch intensiver: sie trugen Lasten für die Ermüdeten und Schwachen, trösteten die Entmutigten, ja inmitten dieses Elends stimmten sie Loblieder zum Preise Gottes an und flößten den Geknechteten Mut ein. Die Aufseher erstaunten hierüber und hinterbrachten es dem Regenten Maximian. Dieser befahl, Cyriakus und seine Gefährten sogleich ins Gefängnis zu werden. Nun fügte es Gott, dass mehrere Blinde in den Kerker kamen, die sich an den christlichen Bekenner wandten, er möge sie heilen. Cyriakus rief den Namen Jesu an und bezeichnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes, und die Blinden kehrten, erleuchtet an Leib und Seele, geheilt nach Hause zurück.
Nun geschah es aber, dass die Tochter des Kaisers Diokletian vom bösen Geist besessen war. Da er von dem Wunder hörte, das Cyriakus an den Blinden vollbracht hatte, ließ der Kaiser den Diakon in seinen Palast kommen, um das Mädchen zu heilen. Cyriakus gebot dem Teufel, so dass er ausfuhr. Da rief das Mädchen mit lauter Stimme: «Ich glaube an Jesus Christus, den Sohn des allmächtigen Gottes», worauf sie Cyriakus alsbald taufte. Als der Kaiser das Wunder sah, wurde er von Verwunderung ergriffen, allein er verschloss sein Herz dem Lichte des Glaubens. Jedoch ließ er Cyriakus mit seinen Gefährten in Frieden leben.
Nun aber folgte Maximian dem Kaiser Diokletian in der Regierung; und dieser unversöhnliche Christenfeind ließ unverzüglich Cyriakus und seine Gefährten vor den Richterstuhl bringen, um sie zu zwingen, den Götzen zu opfern. Er gebot seinem Statthalter, sie zu foltern, wenn sie seinem Gebot nicht folgten. Die Christen aber rief wie aus einem Munde: «Wir gehorchen und opfern nur unserem Herrn Jesus Christus.» Da ließ der Statthalter siedendes Pech über die grauen Haare des Cyriakus gießen und höhnte, er wolle ihn wieder jung machen. Dieser ertrug geduldig die Pein. Danach spannte der grausame Richter ihn und seine Gefährten auf die Folter und ließ sie dann alle drei mit noch zwanzig anderen Christen vor die Stadtmauer führen und enthaupten.
Der Statthalter aber nahm sich das Haus des Cyriakus und richtete an der Stelle, wo der Taufbrunnen stand, ein Bad ein. Als er sich dort mit neunzehn seiner Freunde versammelte, badete und ein Mahl hielt, siehe, da starben sie plötzlich alle eines jähen Todes. Darauf wurde das Bad geschlossen und die Heiden fingen an, die Christen zu fürchten und in Ehren zu halten.»

Der Diakon mit gefesseltem Dämon und Almosenbeutel
Das Motiv der Teufelsaustreibung durch den Heiligen Cyriacus hatte auch schon früh die christliche Kunst aufgegriffen, die den Heiligen gerne darstellt, wie er den gefesselten Teufel an einer Kette neben sich herführt. So blieb durch Bild und Legende die Macht Cyriacus über den dämonischen Einfluss des Teufels dem frommen Volksbewusstsein nahe. Und für das Volk, das seit je das Anschaulich-Sinnfällige liebt, war es ganz selbstverständlich, dass Cyriacus auch im Himmel droben Macht und Gewalt über die bösen Geister beibehalten habe.
Die wohl berühmteste Darstellung des Heiligen Cyriakus aber kommt ohne diese Attribute aus. Sie stammt von keinem Geringeren als von Matthias Grünewald (1460-1528). Meister Mathis malte ihn für den so genannten Heller-Altar (in Frankfurt). Es spricht etwas Unheimliches aus diesem Bild. Die Kaisertochter Artemia kniet neben dem Heiligen, die dargestellte Symptomatik lässt an ein mehrfach behindertes Mädchen denken – vergröberte Gesichtszüge, Bewegungsstörung und Deformierung im Bereich der Finger und Hände, mangelnde Kopfkontrolle. Der Heilige hält ein Buch mit einem Dreifaltigkeits-Segen in der einen Hand, während die rechte Hand den Kopf der Leidenden durch den straff um den Hals gezogenen Manipel hält und durch den Druck des Daumens den verkrampften Mund öffnen will, gleichsam um den bösen Geist zum Entweichen zu zwingen.

Sträfling in den kaiserlichen Lehmgruben
Unbekannter als die Verehrung und die künstlerische Darstellung blieb das geschichtliche Leben des Heiligen Cyriacus. Er war Diakon zu Rom, so sagt ein altehrwürdiger Bericht aus dem 6. Jahrhundert. Diakon sein bedeutet aber nicht bloß heiliger Dienst am Altar, wie wir es vom feierlichen Hochamt her noch kennen. Im christlichen Altertum, oblag dem Diakon vor allem die Sorge für die Armen und Randständigen.
Im alten Rom waren verschiedentlich Sträflinge zu Zwangsarbeiten eingesetzt worden. Davon weiß die Geschichte; sie weiß auch davon, dass Christen, als Staatsfeinde gebrandmarkt, zu Zwangsarbeiten verurteilt und abtransportiert worden sind. Darum ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass beim Bau der Diokletian-Thermen auch Christen als Strafgefangene verwendet wurden. Von Cyriacus sagt der Bericht, dass der Diakon in besonderer Weise sich derselben angenommen habe; dass er immer wieder sie aufmunterte, ihnen Trost zusprach, ihnen wohl auch das «Brot der Stärkung», die Kommunion gebracht hat.
Daneben war ihm aber das Los der anderen Gefangenen keineswegs gleichgültig; ganz im Gegenteil. Er nahm an der Härte ihres Schicksals regen Anteil, hatte immer auch für sie ein verstehend Wort bereit. Gerade sie, die (heidnischen) Ausgestoßenen der Gesellschaft mochten dabei etwas davon verspüren, dass hier etwas Neues am Wirken war, weil eine Gesinnung ihnen entgegentrat, hoch erhaben über das Heidentum. Dieses Neue, das alle in Liebe umfasste, machte ihn aber auch verdächtig. Cyriacus wurde verhaftet. Einen Mann wie Cyriacus, der auch im Geringsten seiner Brüder Christus sah, machte Kerkerhaft nicht mürbe, er machte auch vor dem Richter aus seiner Zugehörigkeit zu Christus kein Hehl. Und so ward das Todesurteil über ihn gesprochen. Genau so vorbildlich wie er als Christ gelebt hatte, ist er auch gestorben; wahrscheinlich war es um das Jahr 304.
Sein Grab befand sich «beim 7. Meilenstein» an der Via Ostiensis. Hier hat Papst Honorius I. (625-638) eine kleine Kirche errichten lassen. Die Verehrung des Cyriacus ist für Rom allerdings bereits für das Jahr 354 bezeugt.

Beistand bei Besessenheit
Cyriakus ist der Schutzpatron gegen böse Geister. Als einer der Vierzehn Nothelfer wird er angerufen bei Besessenheit, bei Anfechtungen des Bösen («in heftigen Versuchungen») und als Beistand in der Sterbestunde. Auch gilt er als Patron der Unterdrückten, als Tröster der Zwangsarbeiter und Geknechteten und aller, die schwere knechtliche Arbeit zu verrichten haben. In der Rheinpfalz ist er gar zum Winzerpatron geworden.
Sein Name kommt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet: «dem Herrn gehörig», «der dem Herrn Geweihte». Sein kirchlicher Gedenktag ist der 8. August.

Ägidius

Patron der stillenden Mütter
Gedenktag 1. September

Wie kommt ein männlicher Heiliger denn dazu, zum Patron der stillenden Mütter erkoren zu werden? Ja, die Religiosität und die Heiligenverehrung geht oft seltsame Wege. Aber eigentlich ist dieses Patronat gar nicht so weit her geholt. Hören wir einmal die Legende dieses Heiligen.

Der Einsiedler und die Hirschkuh
Der Einsiedler Ägidius führte in der Wildnis der Provence ein frommes Leben, weitab vom Lärm und Getriebe der Dörfer. Nun aber fügte es sich, dass eine Hirschkuh, die in dem Walde ihr Revier hatte, den Weg zu diesem friedlichen Manne fand, Vertrauen zu ihm fasste und von nun an täglich den Einsiedler besuchte. Sie ließ den Mann ganz nahe an sich herankommen, ließ sich melken und schenkte ihm so ihre Milch als Nahrung.
Eines Tages begab sich eine königliche Jagdgesellschaft auf die Pirsch in diese weiten Wälder der Provence. Da sichteten die Jäger des Königs ein herrliches Hirschtier und nahmen unverzüglich die Verfolgungsjagd auf. Das Tier aber bekam Wind und, erschreckt vom bedrohlichen Knirschen der Äste und des Waldbodens, floh hinein in den Wald zur Klause des Heiligen Ägidius und legte sich Hilfe suchend vor seine Füße. Eine unsichtbare Mauer schirmte das schutzlose Tier von den Jägern ab. Als die Jäger am nächsten Tag abermals kamen, konnten sie wiederum nicht zur Hirschkuh vordringen. Am dritten Tag nahm der König an der Jagd teil. Diesmal schoss ein Jäger einen Pfeil ins Dornendickicht, wo sich das Tier versteckt hielt. Doch der Pfeil traf nicht die Hirschkuh, sondern Ägidius, der sich schützend vor sie gestellt hatte. Als der König den blutenden Einsiedler fand, war er entsetzt. Voller Reue bot er ihm Geld an, doch dieser lehnte ab. Sein Wunsch war lediglich, dass ihm der König beim Bau eines Klosters behilflich wäre. Diese Bitte erfüllte der König, und schon bald kamen Mönche, denen Ägidius ein guter Abt war. Vielen Kranken, Notleidenden und Ratsuchenden wurde er zum Helfer und Bruder. Hier in seinem Kloster Saint-Gilles in der Provence, nahe bei Arles in der Rhonemündung, starb Ägidius am 1. September des Jahres 720.

Wallfahrtsort am Jakobsweg
Ägidus ist der einzige der Vierzehn Nothelfer, der nicht als Blutzeuge sein Leben hingegeben hat. Der Überlieferung nach stammte Ägidius aus Griechenland; er war ein vornehmer Athener, der in der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts lebte. Schon als jungen Mann zog es in die Ferne, in den Westen. So kam er in den Süden Frankreichs. In den weiten Wäldern der Provence fand er einen geeigneten Platz, wo es ungestört sein Leben als Einsiedler verbringen und die besondere Nähe zu Gott suchen konnte. Wie es zum Bau des Klosters gekommen war, das hat uns die Legende erzählt.
Ob es sich genau so zugetragen hat, ist nicht sicher, aber auch weniger wichtig. Jedenfalls wurde über dem Grab eines heiligmäßigen Einsiedlers eine Kirche und dann ein Kloster gebaut, welches zu den bedeutendsten Klöstern des südlichen Frankreichs gehörte. Dieses Kloster, vor der Rhonemündung gelegen, wurde später nach ihm Saint-Gilles benannt. Dieser Ort lag an der alten Pilgerstraße nach Compostela, dem Jakobsweg, und war schon im 11. Jahrhundert ein berühmter Wallfahrtsort und ein wichtiger Sammelpunkt für die Jakobuspilger. Das Kloster wurde in den Hugenottenkriegen des 16. Jahrhunderts zerstört. Die Abteikirche des ehemaligen Klosters Saint-Gilles, einst eine prächtige Kirche, ist heute auch noch eine Reise wert.

Von schwimmenden Türen und weißen Lilien
Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Legenden, die von Ägidius erzählt werden. Nach der einen erweckte er den Sohn des Fürsten von Nîmes zum Leben. Nach einer andern warf er in Rom unter Gebeten die ihm vom Papst für sein Kloster geschenkten Türen aus geschnitztem Zypressenholz in den Tiber; er fand sie tatsächlich nach seiner Rückkehr im Hafen seines Klosters wieder. Wiederum wird erzählt, dass ein Klosterbruder an der Jungfräulichkeit Marias zweifelte und drei Fragen in den Sand schrieb; als Antwort des Ägidius erblühten drei weiße Lilien aus dem dürren Boden. Und zuguterletzt weiß eine andere Legende, dass ihm sein Tod ihm im voraus verkündet wurde, und dass bei der Bestattung des Entschlafenen Anwesende die Chöre der Engel hörten, die seine Seele zum Himmel trugen.
Eine bedeutende Legende erzählt von seiner Begegnung mit Karl dem Grossen – der allerdings fast 100 Jahre später lebte (aber die Zeit spielt bei den Heiligen meist keine Rolle mehr!). Karl der Grosse bemühte sich demnach um die besondere Fürbitte des Ägidius in einem heiklen Anliegen. Ein Engel brachte danach einen Zettel mit der bestätigten Sündenvergebung auf den Altar, an dem Ägidius sein priesterliches Amt versah. Seitdem gilt Ägidius als Beistand einer guten Beichte.

Angerufen von stillenden Müttern und vielen mehr
Selbstverständlich übt der gütige Abt Ägidius eine Reihe von weiteren Hilfestellungen aus. Sein Beistand für eine gute und reumütige Beichte erfährt eine Ausweitung auf alle seelisch Bedrängten. Er gilt als Zuflucht der Sünder, hilft bei Menschenfurcht, geistiger Not und Verlassenheit.
Wie es zum Patronat der stillenden Mütter gekommen ist, haben wir aus der Legende von der Hirschkuh bereits gesehen. Aufgrund der selben Legende berufen sich aber auch Jäger und Bogenschützen auf ihn bei der Ausübung ihres Handwerks.
Weiter wird Ägidius angerufen für kleine Kinder, gegen Fallsucht, Geisteskrankheiten, Unfruchtbarkeit bei Mensch und Vieh, in Trockenheit und Dürre, bei Sturm und Feuersgefahr, gegen Pest und Irrsinn. Und schließlich nehmen auch Hirten, Schiffbrüchige, Bettler und Aussätzige zu ihm seine Zuflucht.

Unverzichtbar: Hirschkuh und Pfeil
Kein Bildnis des Heiligen Ägidius kommt ohne die beiden Attribute aus: Hirschkuh und Pfeil. Manchmal steckt der Pfeil in seinem Oberschenkel oder im Oberarm oder er hält ihn schlicht und einfach symbolisch in der Hand. Gekleidet ist er entweder als Einsiedler in einer Höhle, als Benediktinermönch oder als Abt mit Stab und Mitra..
Der Name Ägidius kann verschieden gedeutet werden: dieser griechische Name heißt „Schildhalter“, „Schildträger“; er kann aber auch vom griechischen Wort für Hirschkuh („aix“) abgeleitet werden. Jedenfalls ist sein Gedenktag am 1. September der Auftakt zur Jagdzeit und erinnert die Waidmänner vielleicht daran, dass die Hirschkuh und auch andere verfolgte Tiere gerne den Schutz friedliebender Menschen suchen.

Bauernregeln (für den 1. September)
Ist Ägidius ein heller Tag, so folgt ein guter Herbst.
Ist’s an St. Ägidi rein, wird’s so bis Michaelis sein.
Wenn St. Ägidius bläst ins Horn, heißt es: Bauer sä‘ Dein Korn.
Gib auf Ägidius Acht, er sagt dir, was September macht.
Wie der Hirsch an Ägidi in die Brunft tritt, so tritt er an Michaeli wieder heraus.

Eustachius

Fasziniert vom kapitalen Hirsch
Gedenktag 20. September

Im Kampf des Hirsches mit seinen Rivalen sah das Altertum ein Bild des Ringens zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse; sein Geweih war natürlich seit jeher der Mittelpunkt bewundernden Interesses. Da dieses mit dem Alter des Tiers zunimmt, aber jährlich abgeworfen wird, macht es seinen Träger zu einem Symbol der Ewigkeit. Besonders die Erscheinung eines stattlichen Hirsches mit einem strahlenden Kreuz zwischen den Geweihstangen kommt in Legenden nicht selten vor. Damit verbunden war der Gedanke an einen Schützer und Wegweiser, dessen sich Gott bediente, um seinen Willen kundzutun. Oder er war sogar Christus selbst, waren doch die Kirchenväter der Meinung, dieser sei der größte Hirsch, der weiße, mit goldenem Geweih oder jener, der das Kreuz trägt.

Ein heiliger Doppelgänger
Der Hirsch mit dem Kreuz im Geweih lässt in uns sofort das Bild des Jägerpatrons Hubertus aufsteigen. Seine Legende erzählt von einem vergnügungssüchtigen jungen Grafen, dem das Tier mit seinem seltsamen Schmuck einen mordsmäßigen Schrecken einjagte, worauf der Jäger Besserung gelobte, bald darauf die kirchliche Laufbahn einschlug und es bis zum Bischof von Maastricht und Lüttich brachte: eben Hubertus. Natürlich ließ er nunmehr auch das Jagen sein. Davon allerdings wollen die heutigen Grünröcke, die ihn als Patron verehren, nichts wissen, doch es ist wenigstens Brauch geworden, am Hubertustag die Schonzeit für bestimmte Wildarten beginnen zu lassen.

Am Karfreitag auf der Jagd
Eigentlich gehört diese Legende mit dem Hirsch eher zu Eustachius. Er ist einer der vierzehn Nothelfer, soll ursprünglich Placidus geheißen haben und Oberst einer römischen Legion zur Zeit Kaiser Trajans (1./2. Jh.) gewesen sein. Als er eines Tages – kein gewöhnlicher Tag, sondern Karfreitag – auf der Jagd einen kapitalen Hirsch verfolgte, erblickte er zwischen dem Geweih des Tieres ein Kruzifix, von dem aus Christus ihm erklärte, dass er die Gestalt des Hirsches angenommen habe, «um den zu fangen, der ihn zu jagen geglaubt habe». Der Herr ermahnte ihn, Christ zu werden. Gleich am nächsten Morgen ließ sich Placidus mit seiner Frau und seinen Söhnen taufen und nahm dabei den Namen Eustachius an.

Das Schicksal eines zweiten Hiob
Bis hierher geht alles mit rechten Dingen zu und her – es entspricht einem gängigen Bekehrungsmotiv. Eine andere Legende spinnt nun den Faden weiter. Eustachius wird bettelarm, er wandert nach Ägypten aus, auf dem Weg muss er seine hübsche junge Frau als Fährlohn dem Kapitän überlassen, schließlich raubten ihm ein Löwe und ein Wolf seine beiden Buben. Wie der Dulder Hiob aus dem Alten Testament verliert er alles: Frau, Kinder, Freunde, Hab und Gut. «Bleibe tapfer im Leben, wie du es in den Schlachten warst, dann wirst du alle Nöte der Welt bestehen, wie einst Hiob sie bestand» – so spricht die Stimme zu ihm. Der Fortgang der Legende lässt nun fast ein Happy End erwarten. Nach jahrelanger Trennung und Not gibt es eine glückliche Wiedervereinigung der Familie. Eustachius wird rehabilitiert und erringt für den Kaiser große Siege.

Bei Löwen und im «glühenden Stier»
Doch es kommt anders, wie uns eine weitere Legende berichtet. Eustachius weigert sich nach einem Kriegszug anlässlich der Siegesfeier den Göttern Roms zu opfern. Zur Strafe sollte er ebenso wie seine Gemahlin und seine Söhne wilden Tieren vorgeworfen werden. Da sich aber die Raubtiere in der Arena weigern zuzubeißen – einer der Löwen soll sich laut Legende sogar respektvoll vor ihm verbeugt haben – , stößt man schließlich ihn und seine ganze Familie in einen glühenden Bronzeofen, der die Form eines Stieres hatte.

Legenden sind alles, was wir von ihm wissen
Dies sind einige der vielen Legenden über Eustachius. Und in der Tat sind wir über sein Leben nur durch solche Legenden unterrichtet. Doch was tuts. Es ist durchaus möglich, dass ein römischer Offizier das Kaiseropfer verweigerte, weil er sich dies als Christ nicht erlauben wollte und für diese Entscheidung viele Benachteiligungen in Kauf nahm. Hunderten von andern ist es ebenso ergangen – und dafür gibt es zuverlässige historische Belege. – Legenden wollen ja ohnehin keine Tatsachenberichte sein; sie wollen nur zur Glaubensnachfolge anregen. Und vor allem spiegeln sich darin psychologische Prozesse, die sich in jedem Menschenleben – auch in unserm Leben – abspielen.

Jäger – Kriegsoberst – oder doch ein Patriarch?
Die Sachlage wird aber für den Geschichtsbewussten noch komplizierter! Historiker sind nämlich über einen Namen gestolpert, der dem des Eustachius verblüffend ähnlich ist: Eustathios! Dieser nämlich ist eine historisch besser fassbare Gestalt: er soll Patriarch von Antiochien (in Syrien) gewesen sein, am Konzil von Nicäa (325) teilgenommen und energisch gegen die Irrlehre des Arianismus gekämpft haben, daraufhin nach Thrakien verbannt worden und dort ums Jahr 340 gestorben sein.

Für Maler ein dankbarer Heiliger…
Vor allem die Jagdlegende hat auch die Künstler zu Darstellungen angeregt. So begegnet uns Eustachius oft und gerne als Jäger mit Spieß und Jagdhorn und einem Hirsch mit einem leuchtenden Kruzifixus im Geweih. Das gab den Künstlern Gelegenheit, üppig naturalistische Motive zu gestalten. – Auf Albrecht Dürers berühmtem Paumgartner-Altar ist Eustachius als Krieger und Jäger mit Banner und Schwert dargestellt. – Andere Darstellungen zeigen ihn mit Löwen; auch andere wilde Tiere können sein Kennzeichen sein. – Auf seinen Märtyrertod verweist der «glühende Stier», dieser Metallofen, der sein Marterinstrument war. – Diese Motive sind fast ausnahmslos den zahlreichen Legenden entnommen.

…und für Hilfesuchende ein vielseitiger Patron
Eustachius ist Patron der Jäger und Förster, der Krämer, Tuchhändler und Strumpfwirker. Er hilft auch in verzweifelten Situationen, vor allem in Glaubenszweifeln. In schweren und traurigen familiären Schicksalsschlägen ist er der richtige und verständige Ansprechpartner – er hatte es ja am eigenen Leibe erleben müssen, wie ihm die Familie gewaltsam zerstört wurde. – Nicht verschwiegen werden soll, dass Eustachius auch gegen schädliche Insekten angerufen wird; woher aber dieses Patronat stammt, bleibt mir unbekannt. Tatsache aber ist, dass in jüngster Zeit der Heilige mit dem Hirsch als Nothelfer gegen die Zerstörung der Natur verehrt wird. Eustachius vermag uns zu lehren, die Natur zu verstehen und in ihr die Spuren des Schöpfers sehen.

Zum Schluss:
Eustachius hat einen sehr liebenswerten Namen. Er stammt aus dem Griechischen und bedeutet: der Fruchtbare, der Standhafte, der Standfeste, «der mit den schönen Ähren». «Nomen est omen», sagen die Lateiner. Name hat Bedeutung.

Der oft sehr sorg(falt)lose Umgang mit Legenden zeigt wohl die nachstehende Erzählung von der Begegnung des Hubertus mit dem Hirsch.

Die Legende vom Heiligen Hubertus
«Als einst Hubertus an einem Karfreitag mit seinem lauten Tross zur Jagd zog, warnte ihn seine Gattin und flehte ihn dringend an, den ernsten Todestag des Herrn nicht zu entweihen. Er schien von der liebevollen Warnung seiner frommen Gattin gerührt, dennoch siegte die Jagdlust. Mit seinem zahlreichen Gefolge sprengte er durch Wald und Busch, durch Wiesen und Gründe und verfolgte einen prächtigen Hirschen. Als er demselben nahe kam und schon den Bolzen nach dem Tiere abdrücken wollte, bleibt dasselbe plötzlich stehen, wendet sich nach dem Jäger, und mitten in seinem Geweih erscheint ein strahlendes Kreuz. Eine klagende Stimme ertönt: «Hubertus, ich erlöste dich und dennoch verfolgst du mich!» Hubertus erbebte, warf sein Geschoss von sich und flehte innig zu Gott um Erbarmen. Darauf baute er sich eine Hütte aus Baumzweigen und Schilf und führte, von der Welt geschieden, in stiller Waldeinsamkeit ein bußfertiges, abgetötetes Leben.»

Dionysius

Der Nothelfer wider falsches Denken
Gedenktag 9. Oktober

Er ist nicht der einzige, dem der Kopf abgehauen wurde, weil er sich dem Befehl der Mächtigen nicht fügte. Zahllose Menschen, Christen und andere, haben dieses Schicksal um ihres Glaubens willen erleben müssen. Aber Dionysius scheint dieses Ereignis als Anlass zu einer ganz anderen Machtdemonstration genommen zu haben: er nahm sein abgeschlagenes Haupt in seine Hände und trug es sieben Meilen weit bis zur Stelle, wo er begraben sein wollte. Es gibt noch ein paar andere Blutzeugen, denen dasselbe widerfahren ist – nicht zuletzt den uns wohlbekannten beiden Stadtpatronen von Zürich Felix und Regula samt ihrem Gefährten Exuperantius. Sie gehören zu den so genannten ‚Kephalophoren’ – ein griechisches Wort, welches einfach «Kopfträger» bedeutet.

Der französische Nationalheilige
An jener Stelle, wo Dionysius sich niedergelegt haben soll, errichtete der fränkische König Dagobert I. 623/624 die nach Dionysius benannte Benediktinerabtei Saint-Denis. Diese entwickelte sich schon bald zum Zentrum der Dionysius-Verehrung. Nach Dagobert haben auch die übrigen fränkischen und französischen Könige diese Kirche zu ihrer Grablege erkoren: 25 Könige, 10 Königinnen und 84 Prinzen und Prinzessinnen sind hier beigesetzt. Später wurde hier die erste gotische Kirche der Welt erbaut. Dionysius wurde zum fränkisch-karolingischen Reichspatron und dann Schutzpatron von Paris und ganz Frankreich.

Ein Abgesandter des Papstes
Wie aber kommen die Franzosen zu ihrem Nationalheiligen? Hier berichtet uns der Heilige Gregor von Tours († 594) in seiner «Geschichte der Franken», dass der römische Bischof, Papst Fabian, um das Jahr 250 Dionysius und sechs andere Bischöfe als Missionare nach Gallien geschickt habe. Das war noch zur Zeit, als die Christen ihren Glauben im Untergrund leben mussten und als die römischen Kaiser noch all jene, welche den göttlichen Kaiserkult verweigerten, schikanierten und folterten und mit dem Tode bedrohten. Erst im Jahre 313 erließ Kaiser Konstantin das Toleranzedikt (von Mailand) und erkannte damit den Christen ihre (religiöse) Freiheit zu.

Montmartre – der Märtyrerberg
Bischof, Missionar und Christ zu sein, war damals noch ein höchst gefährliches Unternehmen. Jedenfalls sei Dionysius mit dem Schwert hingerichtet worden. Wie es zum Martyrium gekommen ist und was sich rund um diese Enthauptung ereignet hat, darüber gibt uns eigentlich nur die Legende Auskunft. Diese aber ist geschichtlich nicht so ganz zuverlässig. Aber lassen wir ruhig einmal die ältere Legende sprechen:

«Dionysius wurde vom Papst in Rom als Missionar nach Gallien geschickt. In Paris hat der Heilige viele Menschen zum Christentum bekehrt. Oft geschah es, wenn die Menge mit Waffen wider ihn auszog, um ihn zu verderben, dass sie all ihre Wildheit ablegten, sobald sie sein Angesicht sahen. Der Teufel aber, der voll Neid erkannte, dass Dionysius der Kirche so viele Seelen zuführte, reizte den römischen Präfekten, dass dieser Dionysius gefangen nehmen ließ. Er wurde, zusammen mit seinen Gefährten Rustikus und Eleutherius, gefoltert. Allen dreien wurden, weil sie immer wieder laut die Heiligste Dreifaltigkeit bekannt hatten, die Häupter abgeschlagen.
Dionysius aber erhob sich alsbald, nahm sein Haupt in die Hände und trug es, von einem Engel geführt und von himmlischem Licht umgeben, zwei Meilen hinweg von dem Ort, der ‚Mons Martyrum’ (Montmartre) genannt ist, zu der Stätte, wo er nach seiner Wahl und Gottes Wille ruhen wollte. Catulla, eine christliche Frau, die der Heilige bekehrt und getauft hatte, eilte ihm entgegen, nahm das Haupt und bestattete dasselbe ehrenvoll neben dem Leichnam des Heiligen.»

Geschichtlicher Kern
Alles aber müssen wir nicht der Legende überlassen. Es gibt eben auch noch den harten historischen Kern. Zeitgenössische Dokumente oder kurz darauf verfasste schriftliche Zeugnisse berichten, dass Dionysius um 250 in der Seine-Stadt begonnen hat, den christlichen Glauben zu verkünden. Er war der erste Bischof von Paris – dem damals römischen Lutetia. Man vermutet, dass schon bald auf einer Seine-Insel die erste christliche Kirche errichtet wurde. Im Zuge der römischen Christenverfolgungen ums Jahr 285 ordnete der zuständige Gouverneur, der Statthalter Fescenius, seine Verhaftung an. Er wurde, zusammen mit dem Priester Rustikus und dem Diakon Eleutherius, vor Gericht gestellt. Er sollte seinem Glauben abschwören, doch Dionysius sagte seinen Richtern: «Eher gebe ich meinen Kopf her, als dass ich meinem christlichen Glauben untreu würde.» Daraufhin wurde er auf dem Montmartre enthauptet. – Ja, er hat buchstäblich seinen Kopf dran gegeben!
Die Hinrichtungsstätte nannte man später ‚mons martyrum’ (Montmartre). An seiner Grabstätte erbaute man im 5. Jahrhundert eine Kirche: eben Saint-Denis.

Nothelfer gegen Kopfweh und wider Kopflosigkeit
Der Heilige Dionysius gilt als Nothelfer für Kopfweh und Kopfschmerzen, aber auch gegen geistige Kopflosigkeit. Die Legende gibt dafür nur einen äußeren Grund an: dass er seinen abgeschlagenen Kopf in seine Hände genommen und dorthin getragen habe, wo er selbst bestattet sein wollte. Auch auf Bildern wird er immer so dargestellt, dass er sein Haupt in der Hand hält.
Das hat offensichtliche einen tieferen Sinn. Kopfweh hat seine Ursache nicht nur im Föhndruck oder im Übermaß von Alkohol und Nikotin. Kopfweh kommt oft dadurch zustande, dass wir uns selber unter Druck setzen, dass wir zu sehr im Kopf sind, dass wir uns mit Grübeleien den Kopf zermartern, dass uns der Ehrgeiz in den Kopf steigt, dass wir mit dem Kopf durch die Wand wollen. Auf solches falsches Verhalten reagiert der Kopf mit Schmerzen. Wenn unser Denken von Ehrgeiz und Perfektionismus bestimmt ist, müssen wir sie abschneiden, zurückstutzen, damit wir unsern Kopf wieder frei bekommen, damit unser Kopf wieder «atmen» kann, dass wir wieder richtig denken können.

Wie macht es Dionysius?
Er nimmt seinen Kopf in die Hand und hält ihn vor sich hin. Er sieht ihn an und drückt ihn an sein Herz. Damit beschreibt die Legende, wie wir mit Kopfschmerzen umgehen können: Wir sollen Kopf und Herz miteinander verbinden, damit wir nicht kopflastig werden. Wir sollen unsere Grübeleien im Gebet vor Gott hinhalten. Dann können sie sich wandeln.
Die Nothelfer wollen uns nicht nur auffordern, Gott um seine Hilfe anzuflehen. Sie zeigen uns zugleich Wege, wie wir im Vertrauen auf Gott mit unseren körperlichen und seelischen Beschwerden umgehen sollen. Es genügt nicht, Gott einfach darum zu bitten, dass er mich von meinem Kopfweh befreien möge. Ich muss, wie Dionysius, meinen Kopf in die Hände nehmen, Abstand gewinnen zu all dem, was ihn belastet und ihn füllt. Ich muss den Kopf ans Herz drücken, den Verstand durch die Liebe läutern und ihn dann vor Gott hinlegen, damit Gott mich vom inneren Druck befreien möge, den ich mir selbst auferlege.

Wenn ich mir an den Kopf greife…
… dann tue ich gut daran, an den Heiligen Dionysius zu denken. Sein Bild mit dem Haupt in Händen erinnert mich, aufs Herz zu hören. Von tief drinnen höre ich die Botschaft, die mich wieder ins Gleichgewicht bringen will. Der Rekurs auf den Blutzeugen von Paris ist also angezeigt bei Kopfweh und Kopfschmerzen aller Art, auch bei Hundebissen und Tollwut, vor allem aber in Gewissensängsten und Seelenleiden, in Glaubensnöten und leidvollen Kämpfen, bei denen man «den Kopf hinhalten muss».

St. Dionys – ein Opfer des Bergsturzes von 1806
Der stürzende Berg (Rossberg) hatte nicht bloß die Kapelle und zahlreiche Gehöfte von Goldau unter sich begraben, sondern auch die Kapelle zu Ehren des Heiligen Dionysius vernichtet. Sie befand sich «am Sonnenberg, eine halbe Stunde ob Röthen und ebensoweit von der Steinerberger Kirche entfernt» auf einem Schutthügel. Die bescheidene, kleine Kapelle verdankte ihre Entstehung einem gewissen Beeler, der in französischen Diensten gestanden und in der blutigen Schlacht zu ‚Blavilla’ (1562) in größte Lebensgefahr geriet. Der schwyzerische Reisläufer gelobte in äußerster Not, dem Heiligen Dionys in der Heimat eine Kapelle zu erbauen, wenn er der Schlacht heil entrinne. Die 1583 von Beeler wahrscheinlich in Holz erbaute Kapelle wurde 1654 erneuert. 1656 weihte der Konstanzer Weihbischof Franziskus Johannes die renovierte Kapelle samt einem Altar zu Ehren des Märtyrers Dionysius, der Heiligen Leonhard und Wendelin, sowie der Jungfrau und Märtyrin Katharina.
Die Kapelle ist seit dem 2. September 1806 verschwunden und nicht wieder aufgebaut worden. Augenzeugen gemäß wurde am Unglückstage die Kapelle durch den furchtbaren Luftdruck, der bei dem Erdrutsch entstand, zweimal hoch in die Luft gehoben. Das erste Mal stürzte sie ganz wieder zu Boden, nach dem zweiten Fall ward sie vollständig zerschmettert. Die nachstürzenden Fels- und Erdmassen vollendeten das grausame Werk der Vernichtung; keine Spur blieb mehr übrig. Einzig das Glöcklein, das einst im Türmchen gehangen, wurde wieder aufgefunden und kam später in den Dachreiter des Badehauses zu Seewen. Über 130 Menschen von Röthen aber hatten mit ihrem Kapellchen ein unerwartet Grab gefunden.

Ein Kurzporträt
Dionysius von Paris
Der Bischof, der sein Haupt trägt
Der Patron wider die Kopflosigkeit
Der Nothelfer wider falsches Denken

Glaubensbote in Gallien (Frankreich)
Erster Bischof von Paris
+ um 285 als Blutzeuge

Sein Name bedeutet:
Der Fröhliche

Sein Gedenktag:
9. Oktober

Er sagte vor dem Richter:
«Eher gebe ich meinen Kopf her,
als dass ich meinem christlichen Glauben untreu würde.»

Wetterregel:
Regnet’s an St. Dionys,
wird der Winter nass gewiss.

Der Martertod des Heiligen Dionysius
in der Version der ‚Goldenen Legende’ (um 1265)
In dieser hochmittelalterlichen Erzählung wird die Geschichte seines Martyriums völlig dramatisiert:
«Dionysius war vom Papst in Rom zur Missionierung der Gallier ausgesandt worden und hatte viele Einwohner von Paris bekehrt. Deshalb wurde er mit zwei Gefährten, Rusticus und Eleutherius, gemäß dem Befehl des Kaisers Domitian gefangen genommen und unter Gespött und Schlägen gefesselt vor den Statthalter Fescenius gebracht. Dionysius wurde gegeißelt, mit schweren Ketten ins Gefängnis geworfen, am nächsten Tag nackt auf einen glühend-heißen Rost gelegt und wilden Tieren vorgeworfen. Als ein Kreuzzeichen die Raubkatzen bändigte, versuchte man vergeblich, ihn in einem Feuerofen zu töten. Auch am Kreuz wurde er lange Zeit gemartert, dann aber zu vielen anderen Christen in den Kerker zurückgebracht. Dort feierte er eine Messe und spendete den Gefangenen das Abendmahl. Plötzlich wurde es Licht, Christus erschien und gab ihm die Kommunion. Am darauffolgenden Tag führte man ihn mit Eleutherius und Rusticus erneut vor den Statthalter, der sie vor der Götterstatue des Merkur mit einem Beil enthaupten ließ. Aber Dionysius stand auf, nahm seinen Kopf in die Hände und trug ihn, von einem Engel begleitet, vom Ort des Martyriums (Montmartre) zu einem zwei Meilen entfernten Platz, wo Leib und Kopf begraben wurden.»

Katharina

Die Allzeit „Reine“
Gedenktag 25. November

Schön, gebildet und mutig
Katharina ist eine der beliebtesten Heiligen des Mittelalters. Man traut ihr Hilfe und Schutz in besonderen Notlagen des täglichen Lebens zu. Katharina verkörpert zudem eine Reihe idealer Eigenschaften: Sie war schön, gebildet und mutig. Weil sie schön war, wurde sie vom heidnischen Kaiser Maxentius zur Frau begehrt; weil sie gebildet war, unterlagen ihr die klügsten heidnischen Gelehrten in der Argumentation; weil sie mutig war, nahm sie das Martyrium auf sich. Nur fragt man sich, warum die heiratslustigen Mädchen sich die heilige Katharina von Alexandrien zu ihrer Patronin erwählten, obwohl diese dem Kaiser Maxentius schon anlässlich der ersten Begegnung unmissverständlich zu verstehen gab, dass sie keinerlei Lust habe, sich einen Mann zu suchen… Aber eben: die Heiligenverehrung hat oft nicht so offenkundige Gründe.
Die Lebenszeit Katharinas wird in das Ende des 3. Jahrhunderts gelegt. Ihre Lebensgeschichte beruht jedoch zum großen Teil auf Legenden. In ihnen wird exemplarisch das Wesen des Christsein dargestellt – oft genug in dramatischer Art, vielleicht ein Reflex der alten Christenverfolgungen. Doch folgen wir einmal ihrer «dramatischen Biografie», so wie sie uns die Legende vermittelt.

Eine unwiderstehliche junge Frau
Katharina, die Tochter eines Königs namens Costus, war in allen Künsten und Wissenschaften gebildet und sehr schön. Ein Einsiedler bekehrte sie zu Christus, dem wahren Bräutigam, nachdem sie jeden Freier abgewiesen hatte. In einer Vision gab ihr Christus zum Zeichen ihrer Vermählung mit ihm einen Ring.
Mit 18 Jahren trat sie dem Kaiser Maxentius an der Tür des heidnischen Tempels entgegen, um ihn mit philosophischen Argumenten zum Christentum zu bekehren. Da der Kaiser nichts zu erwidern vermochte, befahl er fünfzig bedeutende Philosophen zu sich nach Alexandrien, aber Katharina überzeugte alle von der Wahrheit des Christentums. Deshalb ließ Maxentius die Bekehrten verbrennen, Katharina selbst aber in einen Kerker werfen und zum Martertod verurteilen, da sie sich ihm auch nicht als Frau hingeben wollte. Man fertigte vier Räder mit eisernen Sägen und Nägeln an, die jedoch auf Katharinas Gebet hin von einem Engel mit Schwert durch Donner, Blitz und Feuer zerstört. Nun wurde sie enthauptet. Aus ihrem Haupt aber floss kein Blut, sondern Milch. Ihr Leichnam wurde von Engeln aufgenommen und zum Berg Sinai getragen, dorthin, wo Moses vor dem brennenden Dornbusch gestanden hatte.

Patronin der Rechtsgelehrten und Scherenschleifer
Die Verehrung der schönen, gelehrten und mutigen Frau Katharina beginnt schon sehr früh; sie ist bereits seit dem 5. Jahrhundert nachzuweisen. Gleichzeitig beginnt auch die Legendenbildung. So lesen wir schon bald von der Übertragung ihres Leichnams durch Engel auf den Mosesberg Sinai, zu dessen Füssen heute das Katharinenkloster liegt.
Für die mittelalterlichen Kreuzfahrer war das Katharinenkloster ein beliebtes Wallfahrtsziel; sie bringen die Katharinen-Verehrung ins westliche Abendland. Später schätzten Dominikaner und Jesuiten die Heilige als Schirmherrin der Wissenschaften und Universitäten in bevorzugter Weise. Nicht selten tragen auch heute noch Universitätssiegel ihre Attribute, nämlich Folterrad, Schwert und Buch. Länder und Städte, Stände und Berufsleute haben sie zur Patronin genommen. So ist sie etwa Schutzherrin des Kantons Wallis, der Städte Sitten und Fribourg, der «Sorbonne» in Paris. Sie gilt auch als Patronin der Mädchen, Jungfrauen und Ehefrauen; der Lehrer, Studenten und Schüler; der Theologen und Philosophen; der Universitäten und Bibliotheken; der Redner; der Spitäler; aller Berufe, die mit Rad oder Messer zu tun haben: Wagner, Töpfer, Müller, Spinner, Seiler, Schiffer, Gerber, Coiffeure, Tuchhändler, Buchdrucker und Schuhmacher; der Anwälte und Notare. Die Schneiderinnen und Modistinnen der Pariser Modehäuser heißen nach Katharina «Cathérinettes». Sie wird auch angerufen bei Migräne und Zungenleiden oder zur Auffindung von Ertrunkenen; vor allem aber zählt sie als Nothelferin.

Zu erkennen an Rad, Schwert und Ring
Der griechische Name Katharina heißt «die allzeit Reine». Sie ist Patronin der Gelehrsamkeit, der Philosophen und Studenten. Sie wird oft dargestellt mit einer Krone, da sie Königstochter war.
Die charakteristische Darstellung ist jedoch jene mit Rad und Schwert, ihren Marterinstrumenten. Die Palme ist Hinweis auf ihr Martyrium; das Buch steht als Zeichen ihrer Weisheit. Manchmal wird sie in der bildenden Kunst auch mit einem Ring dargestellt, der ihre ist mystische Vermählung mit Christus symbolisiert. Denn der Legende nach soll ihr in der Nacht Maria mit ihrem Kind Jesus erschienen sein. Jesus neigte sich zu ihr herab und steckte ihr einen goldenen Ring an den Finger zum Zeichen, dass sie von nun an seine Braut sei. Als Katharina erwachte und den Ring wirklich am Finger glänzen sah, warf sie sich auf die Knie nieder und gelobte ihrem göttlichen Bräutigam, immer jungfräulich zu leben und zu sterben. Diese Episode hat Hans Memling auf dem monumentalen Altar-Triptychon von 1492 im Johannes-Hospital zu Brügge (Belgien) auf meisterhafte Weise dargestellt.

Nach Katharina schweigt die Geige
Die Verehrung der Katharina hat ihren Niederschlag besonders im bäuerlichen Leben gefunden – weniger in unseren Gegenden, als vielmehr in Bayern und Österreich. Am Katharinenfest endete früher die Weidezeit, auf den Höfen begann man mit der Schafschur. Für Mägde und Knechte war «Katrein» der Tag, an dem sie ihren Lohn erhielten und den Hof wechseln konnten (der nächstmögliche Termin für eine Veränderung war erst wieder Maria Lichtmess). Am ihrem Gedenktag war Arbeitsverbot; die kommenden Spinnabende wurden der Heiligen zu Ehren mit dem Katreins-Tanz eingeleitet, ab dem die Geigen bis zur Fasnachtszeit eingesperrt blieben. Zahlreiche Bräuche haben sich in diesen bäuerlichen Gegenden noch bis in die heutige Zeit erhalten.

Vom ungeahnten Glück eines Frauenhemdes
So wichtige Heiligenfeste haben sich immer auch zu Lostagen entwickelt und mit eher abergläubischen Praktiken vermischt. So galt der Katharinen-Tag als Lostag für das Wetter im kommenden Winter. – Der Katharinen-Tag war wegen der Nähe zum Advent der letzte Tag, an dem Lustbarkeiten erlaubt waren, daher wohl auch der Brauch des Katharinen-Tanzes. – Katharina gilt als Stundenpatronin zwischen 4 Uhr und 5 Uhr morgens. – Katharinen-Öl wurde im Tirol als Heilmittel gegen Pest, Gicht, Atemnot, Eingeweidewürmer, Grimmen in der Gebärmutter usw. verwendet. – Kindern in der Steiermark musste gegen Würmer der Bauchnabel mit Katharinen-Öl eingerieben werden. – Eine in Katharinen-Öl gekochte Feige hilft gegen Angina. – Wer in Ungarn am Katharinen-Tag sein Gesicht mit einem Frauenhemd wäscht, sieht im Traum seine künftige Ehegattin.

Legendenmotive: Rad und Milch
Die zahlreichen, zum Teil recht drastischen Motive der Heiligenlegende entspringen nicht einfach nur der Fabulierlust und Sensationslüsternheit früherer (nur früherer?) Zeiten. Aus ihnen spricht symbolische Welt- und Glaubenserfahrung – und sehr viel psychologisches Feingespür!
«Der Kaiser befahl, dass man vier Eisenräder fertigte, mit sitzen Nägeln daran. Mit denen sollte sie zu Tode geschleift werden. Doch ein Engel kam und zerstörte das Räderwerk.»
Das zerbrochene Rad, mit dem Katharina dargestellt wird, kann verschiedene Bedeutungen haben. Einmal ist es ein Bild des Sonnenrades und des göttlichen Lichtes der Sonne. Katharina, die reine Frau, ist Tochter der Sonne. Sie zeigt, dass die göttliche Sonne alles in uns erleuchten kann.
Das Rad kann auch Bild für das Spinnrad sein. Dieses war ein Attribut der Göttin Freya, deren Fest am 25. November gefeiert wurde. Das Rad zeigt uns, dass Gott unsere Fäden in den Händen hält, und dass es ein guter, ein mütterlicher Gott ist, auf den wir vertrauen dürfen. Am Fest der Freya durfte man kein Spinnrad treiben. Am Katharinentag darf kein Rad rundgehen, sagt der Volksmund.
Das Rad kann auch Bild sein für das Todesrad, das Auf und Ab, das unser Dasein bestimmt. Das zerbrochene Rad ist Zeichen dafür, dass wir frei geworden sind von der Anbindung an das Rad des Todes. Engel zerstören wie bei Katharina auch bei uns das Rad der Gebundenheit und führen uns in die Freiheit Gottes.

«Der Kaiser befahl, Katharina zu enthaupten. Aus ihrem Leib aber floss kein Blut, sondern Milch.»
Milch ist nicht nur Nahrung für den Leib, sondern auch für die Seele. Sie bedeutet Unsterblichkeit. In der Antike spielt die Milch eine wichtige Rolle bei der Einweihung in die Mysterien, Im Christentum wird sie Neugetauften bei der ersten Eucharistie gereicht. In Sagen und Legenden ist die Verwandlung von Blut in Milch Erweis der Unschuld des Hingerichteten und zugleich Zeugnis für die Reinheit eines Menschen.
Milch ist eine mütterliche Gabe, Bild für das Grosse Weibliche, für die nährende Dimension und zugleich für die Weisheit. Milch hat immer mit Wandlung zu tun. Die Milch, die aus Katharinas Leib fließt, ist ein Zeichen dafür, dass der Mensch zu einer nährenden Quelle für andere wird, wenn er sich wie Katharina an Gott bindet, dass er andere zur Weisheit führen kann, wenn er sich von Gottes Geist durchströmen lässt.
Und Milch ist Zeichen dafür, dass uns Katharina, die reine und für Gott ganz und gar durchlässige Frau, einführt in das Geheimnis Gottes, in das Geheimnis der göttlichen Liebe.

«Ihr Leichnam wurde von Engeln aufgenommen und zum Berge Sinai getragen, dorthin, wo Mose vor dem brennenden Dornbusch gestanden war.»

Barbara

Mit dem Turm
Gedenktag 4. Dezember

Es ist zwar nicht beabsichtigt, dass das letzte Wort dieser 14-teiligen Not¬helfer-Serie einer Frau gegeben wird. Aber sie ist nun einmal die letzte, deren Festtag im Jahres-kreis gefeiert wird – nämlich am 4. Dezember. Zudem ist ihr Gedenktag vielleicht der ökumenischste, den es überhaupt gibt. Denn dann legen nämlich alle Arbeiter – ob katholisch oder reformiert, ob Christ oder Muslim, ob Gläubiger oder Ungläubiger – die Arbeit nieder und versammeln sich zu einer Messe. Die Rede ist von den Tunnel-arbeitern. Warum die Heilige Barbara zu dieser Ehre kommt, im Laufe dieses Beitrags bestimmt allen Leserinnen und Lesern klar werden.

«Keine historisch fassbare Märtyrerin»
Doch beginnen wir zuerst mit ihrer Biografie. Diese ist allerdings sehr rasch erzählt. Denn man kann wenig historisch Verlässliches über sie sagen, Daher wurde ihr Fest 1969 aus dem römischen Heiligenkalender, dem ‚Calendarium Romanum’, gestri-chen, mit der Begründung, dass Barbara «keine historisch fassbare Märty¬rerin» ist. Das mindeste aber, was man sagen kann, ist, dass sie im 3. Jahr¬hun¬dert in der Tür-kei geboren wurde und 306 während der letzten großen Chri¬sten¬verfol¬gung starb. Während sich der Kult um die heilige Bar¬bara im Osten schon sehr früh entwickelte, ist die Verehrung im Wes¬ten etwa seit dem 8. Jahr¬¬hundert bekannt. Seit spätestens dem 14. Jahrhundert gehört Barbara zu den beliebte¬sten und am häufigsten darge-stellten Heiligengestalten. Um ihre Gestalt ent¬wickelten sich im Laufe der Jahrhun-derte zahl¬reiche Volksbräuche.

Ein bildhübsches junges Mädchen
Die Legendenbildung hat ihre Lebensgeschichte überdeckt. Die bekannteste Legen-de stellt sie als junges Mädchen dar, das wegen ihrer Schönheit und ihrer Gelehrtheit von vielen reichen jungen Männern umworben wurde. Auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens wandte sie sich dem christlichen Glauben zu und schloss sich einer kleinen Grup¬pe von getauften Christen an. Ihr heidnischer Vater aber be¬schloss, das Mädchen von den zudringlichen Freiern und auch von den Christen fern¬zuhalten, und liess einen Turm errichten, in wel¬chen er Barbara einsperren wollte.

– Barbara ist ein junges Mädchen, die Tochter einer vornehmen Familie im Morgen-land.
– Wenn der Vater verreist, sperrt er sie in einen Turm, um sie vor schlechten Ein-flüssen zu bewahren.
– In seiner Abwesenheit liest Barbara die Bibel; der Priester unter¬weist sie im christ-lichen Glauben und tauft Barbara.
– Barbara lässt als Bekenntnis zum dreifaltigen Gott in den Turm drei Fenster ein-bauen.
– Sie ritzt kleine Kreuzzeichen auf Mauersteine und in den feuchten Putz.
– Der Vater wird zornig und lässt sie ins Gefängnis werfen; der Prie¬ster tröstet sie mit dem heiligen Abendmahl (Kelch und Hostie)
– Als Barbara flieht, und Verfolger sind ihr auf der Spur.
– Ein Felsspalt öffnet sich und gewährt ihr Schutz.
– Der Hirte, der sie verrät, wird zur steinernen Säule.
– Seine Schafe verwandeln sich in Heuschrecken.
– Barbara wird nackt durch die Strassen gejagt; ein Engel bekleidet sie mit einem schneeweißen Gewand.
– Ihre Peiniger schlagen sie mit Ruten und Geißeln; ihr aber ist, als ob sie mit Pfau-enfedern gestreichelt würde.
– In ihrem Gewand verfängt sich ein dürrer Ast; auf dem Richtplatz beginnt er zu blühen (Blütenzweig).
– Der Scharfrichter ist ihr eigener Vater.
– Er enthauptet sie eigenhändig mit dem Schwert.
– Alsbald wird er vom Blitz erschlagen; sein Leib zerfällt zu Asche – den Donner sieht man leider auf dem Bild nicht!
– Barbara geht durch das große Tor in die Welt Gottes ein.
– Nun erstrahlt ihr Haupt in der ewigen Sonne Gottes (Heiligenschein).

Eine vielfältige Schutzpatronin
Schon frühzeitig wurde Barbara Mittelpunkt der Verehrung. Ihre Patronate sind über-aus zahlreich – manche haben ihren Ursprung in einzelnen Legenden¬motiven. So zum Beispiel der Turm, in den sie ein drittes Fenster einbauen ließ – Anlass für Ar-chitekten, Baumeister, Maurer, Steinhauer, Dachdecker, Zimmerleute, sie zu ihrer Schutzherrin zu erwählen. Auch Türme und Festungsbauten wurden ihrem Schutz unterstellt. Weil Barbara in einem Turm gefangen gehalten wurde, ist sie auch zur Trösterin der Gefangenen geworden,

Alles, was «chlöpft und tätscht»
Von da zu den Schützen, Kanonieren und Artilleristen ist es nicht mehr weit. Al-lerdings ist dafür eher der Blitz aus der Legende verantwortlich, die bei ihrem Marty-rium den Henker erschlug. So werden bei Stürmen Gebete an sie gerich¬tet. Im Mit-telalter war es üblich, Barbaraglocken zu läuten, sobald ein Gewitter am Himmel stand. Dieser Sitte verdankt – neben den Glöcknern – die Artillerie ihre Patronin, denn durch ihre Kanonen ahmt sie gleichsam Donner und Blitz nach. Schon Napole-on hat als junger Ar¬til¬lerieoffizier nie eine Barbarafeier versäumt. Das Bild der heili-gen Barbara wurde immer mehr als Schmuck und Schutzzeichen auf Rüstungen und Feldstücken, Zeughäusern und an Artillerie¬schulen angebracht. Ihr Bildnis wurde frü-her häufig auf Waffenlagern und Pulver¬magazinen aufgestellt; der Pulverlagerraum eines französischen Kriegs¬schiffes wird noch heute als ‚Sainte-Barbe’ bezeichnet. Im ersten Weltkrieg wurde auf beiden Seiten der Front der Name St. Barbara in die Wände der Artilleriestellungen einge¬ritzt.

Barbara-Licht
Weil den Verfolgern ihres Vaters durch eine Felsenhöhle entkommen sei, ist sie auch die Schutzpatronin der Bergleute, die seit vielen Jah¬ren unter großen Ge¬fah¬ren Bodenschätze aus der Erde befördert haben. Früher er¬hielten die Knap¬pen am Bar-bara-Tag das «Barbara-Brot» und das vor Unheil schützende «Barba¬ra¬-Licht», das sie im Stollen zum Gedenken brennen lassen. Es soll die Bergleute vor Schlagwetter und Tod untertage bewahren.

Die einzige Frau im Berg
Ganz besonderer Verehrung aber erfreut sich die Heilige Barbara bei den Tun-nelarbeitern. Im Prinzip dulden sie keine andere Frau im Berg. Ihre Statue steht im-mer oben rechts beim Tunneleingang in einer Nische; meist brennt davor noch eine Kerze. Während die Geologen ihren Prognosen, die Ingenieure der Bautech¬nik ver-trauen, so zählen die Tunnelarbeiter auf ihre Schutzheilige Barbara – auch am Gott-hard – wohl besonders fest. Beim Durchstich des Furkatunnels von 1979 trugen die Mineure zuallererst eine Statue der Heiligen Barbara durch den Tunnel.

Barbarazweig
Die Tradition des Barbarazweiges greift auf ihre Gefangenschaft zurück. Hier hat sie den verdorrten Zweig mit Tropfen aus ihrem Trink¬napf benetzt. In den letzten Tagen fand sie Trost darin, dass der Zweig in ihrer Zelle blühte. In vie¬len Familien gehört es zur Weihnachtszeit: Am Barbaratag holen sie einen Kir¬schenzweig ins Haus. Die ge-schnittenen Zweige werden zuerst über Nacht in eine Bade¬wanne mit Wasser gelegt, damit sich die Zweige voll saugen können. Danach kommen sie in eine Vase und werden an einem hellen, nicht zu warmen Platz aufgestellt, wo die Knospen bald austreiben. Alle drei Tage wird dann das Wasser gewechselt. Damit soll zum Blühen kommen, was das folgende Gedicht verspricht:

Geh in den Garten am Barbaratag.
Geh zum kahlen Kirschbaum und sag:
«Kurz ist der Tag, grau ist die Zeit.
Der Winter beginnt, der Frühling ist weit.
Doch in drei Wochen, da wird es gescheh’n:
Wir feiern ein Fest, wie der Frühling so schön.
Baum, einen Zweig gib du mir von dir!
Ist er auch kahl, ich nehm’ ihn mit mir.
Und er wird blühen in leuchtender Pracht
Mitten im Winter in der heiligen Nacht.»

Ein Nachtrag: Heilige Barbara – «die göttliche Barbarin»?
Zur Recherche über die Heilige Barbara habe ich nebst einschlägigen wissen-schaftlichen Werken auch das Internet konsultiert. Was man hier zwischen¬durch se-hen bekommt, hört sich teilweise recht abstrus an. So wollen zeitge¬nössische Neu-heiden die Heilige Barbara als eine der «ihren» zurückfordern. Sie sei ja ohnehin nichts anderes als die «göttliche Bar¬barin», eine nur locker chri¬stiani¬sierte heidnische Göttin in ihrem Hei¬ligen Berg – sei also eigentlich von den Christen usurpiert worden. Ihr Kultzentrum sei entweder der Venusberg oder der Runde Berg bei Pozzuoli, wo sie unter verschie¬denen Titeln ver¬ehrt worden sei. In dem Berg wohnten die heidni-schen Toten, «verzauber¬te Männer und Frauen», die sich ihre Zeit mit Tanzen, Lie-ben und anderen Freuden bis zum Tag des jüngsten Gerichts vertrieben hätten. An-ders ausgedrückt, die heilige Bar¬bara sei nie¬mand anderes als die Feenkönigin…
Wer historisch sauber arbeitet, der enthält sich eines weiteren Kommentars.

Die Ausländerin
Zum Schluss sei noch daran erinnert, dass diese charmante junge Frau einen un-passenden Namen trägt: «Barbara» kommt aus dem Griechischen und bedeutet so-viel wie «Ausländerin», eigentlich: «die unverständlich Sprechende» – die Rö¬mer nannten z.B. die Germanen deshalb «Barba¬ren». Ausländerin, Barbarin ist die Bar-bara beileibe nicht – sie gehört zu uns als Erinnerung an einen Menschen, der seinen Weg zu innerer Freiheit und zu echtem Leben gegangen ist.